22.09.2023 -28.09.2023

Chemiegipfel im Kanzleramt: Fortsetzung folgt

Die Hoffnung auf Entlastungen in der aktuellen Chemiekrise sind laut Medienberichten auf dem Gipfeltreffen von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit Vertretern von Wirtschaft und Gewerkschaften nicht erfüllt worden. Man habe sich zwar auf gemeinsame Ziele für den Abbau von Bürokratie und Regulierungen, zur Innovationsförderung und zur Fachkräftesicherung verständigt, eine Zusage für einen Brückenstrompreis habe es aber nicht gegeben, berichtet etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Der Austausch zu den Rahmenbedingungen der chemischen Industrie solle aber fortgesetzt werden, der das Ziel eines Chemie-Pakts bis zum Ende des Jahres 2023 verfolge, ist Berichten der Tagesschau und der Süddeutschen Zeitung (SZ) zu entnehmen.
 

Markus Steilemann, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), habe sich nach dem Treffen im Kanzleramt enttäuscht gezeigt, dass das für die Industrie dringlichste Thema, der Industriestrompreis, nicht adressiert worden sei, schreibt die FAZ. Steilemann dränge nun auf ein Paket zur Strompreissenkung noch im Oktober, in dem „der Spitzenausgleich erhalten, die Stromsteuer gesenkt und ein temporär begrenzter Brückenstrompreis eingeführt werden“, zitiert die FAZ den VCI-Präsidenten. Auch der Chef der Chemiegewerkschaft IGBCE, Michael Vassiliadis, NRWs Ministerpräsident Hendrick Wüst (CDU) und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hätten sich neben weiteren Regierungschefs der Länder für einen Brückenstrompreis ausgesprochen, ebenso wie die Grünen sowie die SPD-Fraktion, schreibt die Zeit. VCI-Präsident Steilemann habe gesagt, wenn es bezüglich des Brückenstrompreises keine kurzfristigen Lösungen gebe, müsse man sich über zukünftige Themen keine Gedanken mehr machen, heißt es in der Zeit weiter. Auch Dr. Ralf Düssel, Vorstandsvorsitzender des Verbands der deutschen Kunststoffhersteller Plastics Europe Deutschland, habe sich vom Gipfel enttäuscht gezeigt, berichtet Kunststoffe. Die Unternehmen der Branche kämpften akut um ihre Profitabilität und somit um das Geschäftsmodell Deutschland. Jeder Monat weiterer Verzögerung könne zu einer weiteren Abwanderung von Produktion führen, die so nicht mehr nach Deutschland zurückkehren werde. Deshalb brauche es jetzt einen zeitlich begrenzten Brückenstrompreis, zitiert Kunststoffe Düssel. Ingemar Bühler, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland, habe hervorgehoben, dass das Bundeskanzleramt erkannt habe, welche Stellschrauben für Investitionen und Standortsicherheit gedreht werden müssten. Nun brauche es konkrete Maßnahmen, so Bühler. Für den Brückenstrompreis habe sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am Tag vor dem Gipfeltreffen im Kanzleramt erneut auf dem Klimakongress des BDI Bundesverbands der Deutschen Industrie stark gemacht, berichtet etwa die SZ an anderer Stelle. Dort habe auch BDI-Präsident Siegfried Russwurm in der Eröffnungsrede die Dringlichkeit des Themas betont. Russwurm sehe Standorte der energieintensiven Industrie „konkret“ in Gefahr und fordere international wettbewerbsfähige Energiekosten für die Unternehmen sowie eine rasche Absenkung von Stromsteuer und Netzentgelten.
 
Quellen:

  • sueddeutsche.de (26.9.2023)
  • tagesschau.de, ntv.de, sueddeutsche.de, zeit.de, mdr.de (27.9.2023)
  • FAZ, kunststoffe.de (28.9.2023)

 

Kreislaufwirtschaft und Umweltauswirkungen

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtet über eine Kreislaufwirtschaftsstudie von Agora Industrie, wonach durch Kreislaufwirtschaft die Klimaziele schneller, günstiger und mit einem geringeren Energieverbrauch erreicht werden könnten. Deutlich geringere Umweltauswirkungen als bei Verwendung fossiler Rohstoffe wären laut einer Ökobilanzstudie der BASF, Südpack und Sphera mit dem Einsatz von Rohstoffen etwa aus dem chemischen Recycling oder aus nachwachsenden Quellen verbunden, ist einem Bericht des Fachmagazins Tightly Packed zu entnehmen. Die Bedeutung der Massebilanz erläutert Markus Klatte, Gründer und Geschäftsführer der Arcus-Greencycling Technologies, in einem Interview mit dem VDMA.
 

Laut einer Untersuchung der Berliner Organisation Agora Industrie vor dem Hintergrund der von der Bundesregierung aktuell vorbereiteten Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) könnte eine Kopplung der Kreislaufwirtschaft mit einer dekarbonisierten Primärproduktion von Gütern wie Stahl, Zement und Kunststoffen die kumulierten Treibhausgasemissionen bis 2045 um 25 Prozent reduzieren, schreibt die FAZ. Der Energieverbrauch nähme um 20 Prozent ab, und in den Transformationskosten ließen sich im Vergleich zur linearen Wirtschaft 45 Prozent einsparen, heiße es in der Studie mit dem Titel „Resilienter Klimaschutz durch eine zirkuläre Wirtschaft“. Laut Studie sei es möglich, schon bis 2030 die Emissionen bei der Herstellung und Nutzung von Stahl, Zement und Kunststoffen um 18 Millionen Tonnen im Jahr zu verringern. Bis 2045 wäre eine Steigerung auf 30 Millionen Tonnen möglich. Die Kreislaufwirtschaft sei für energieintensive Industrien eine zentrale Dekarbonisierungsstrategie, zitiert die FAZ den Direktor von Agora Industrie, Frank Peter. In den der Primärproduktion folgenden Stufen der Wertschöpfung und Nutzung schlummerten große Nachhaltigkeitspotenziale, da die meisten Techniken für die Kreislaufwirtschaft schon marktreif seien, so Peter. Ihr Einsatz erfordere aber den richtigen regulatorischen und ökonomischen Kontext. So bedürfe es etwa der Förderung von Schlüsseltechnologien und Kooperationen sowie verbindlicher Standards für kreislauffähige Produktdesigns.
 
Welche Umweltauswirkungen verschiedene Rohstoffalternativen haben, die fossile Ressourcen im Produktionsprozess ersetzen oder ergänzen, habe BASF zusammen mit Südpack und Sphera über einen zertifizierten Massenbilanzansatz am Beispiel einer Mozzarella-Verpackung in einer Ökobilanz errechnet, berichtet das Magazin der Messe Düsseldorf Tightly Packed. Untersucht worden seien das aus chemisch recycelten Rohstoffen hergestellte BASF-Polyamid Ultramid Ccycled sowie Ultramid BMBcert, das aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werde, jeweils in Kombination mit Polyethylen (PE). Daraus hergestellte flexible Mehrschichtverpackungen seien dann mit der gleichen Verpackung auf Basis fossiler Rohstoffe sowie zusätzlich mit einer starren Tray-Verpackung auf fossiler Rohstoffbasis verglichen worden. Laut BASF verdeutlichten die Ergebnisse, dass durch den Einsatz von flexiblen Mehrschichtverpackungen mit einem hohen Anteil an chemisch recycelten oder nachwachsenden Rohstoffen deutlich geringere Umweltauswirkungen erreicht werden könnten, insbesondere eine Reduzierung der CO2-Emissionen.
 
In einem Interview mit dem VDMA, das im Plastverarbeiter zu lesen ist, betont Markus Klatte, Gründer und Geschäftsführer der Arcus-Greencycling Technologies, die Bedeutung der Massebilanz für chemisches Recycling. Der Betreiber einer Demonstrationsanlage im Chemiepark Frankfurt Hoechst mit einer Jahreskapazität von 4.000 Tonnen, in der aus stark gemischten Kunststoffabfällen Pyrolyseöl gewonnen werde, halte die Massebilanz zur Berechnung des Anteils recycelter Mengen in Produkten für höchst wichtig. Niemand würde nach Ansicht von Klatte eine petrochemische Anlage nur für Pyrolyseöl bauen. Daher müsse man es ähnlich machen wie beim Strom, so dass die Nachfrage nach Produkten mit Recyclinganteil steige, meint Klatte. Wenn die Politik die Massebilanz für das chemische Recycling nicht anerkenne, werde es nicht nur schwieriger, in den Markt zu kommen. Es bedeute für die Kreislaufwirtschaft weltweit eine Kapitulation. Denn so werde der Kanal für den fossilen Öleinsatz weiter geöffnet, weil die globale Produktion von Kunststoffen weiter wachsen werde, so Klatte.
 
Quellen:

  • packreport.de (22.9.2023)
  • Tightly Packed 9/2023
  • FAZ (25.9.2023)

 

Geplantes PFAS-Verbot: „Fluorpolymere sind sicher“

Das betonen laut Berichten der Fachpresse die in der Initiative „Wir sind Kunststoff“ zusammengeschlossenen Verbände Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV), Plastics Europe Deutschland (PED) und der VDMA Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen. Dem schließe sich auch der pro-K Industrieverband für langlebige Kunststoffprodukte und Mehrwegsysteme an. Im Interview mit dem Deutschlandfunk zum Beginn der Weltchemikalienkonferenz vom 26. bis 29. September 2023 in Bonn räumt Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) ein, dass PFAS eine breite Gruppe umfassten und nicht alle gleich gefährlich seien.
 

Hinsichtlich der aktuell diskutierten EU-Regulierung eines allumfassenden PFAS-Verbots wünsche sich die Kunststoffindustrie von den Verantwortlichen mehr Augenmaß und vor allem, dass Fluorpolymere aus dem Verbotskatalog gestrichen werden, berichtet die K-Zeitung. Fluorpolymere würden in zahlreichen Produkten verwendet wie in Mikrochips, Dichtungen, Triebwerken, Maschinen, Autos, Batterien, medizinischen Geräten und Kühlsystemen. Der aktuell diskutierte Vorschlag der europäischen Chemikalienagentur ECHA differenziere weder zwischen den unterschiedlichen und einzeln zu regulierenden Substanzen noch zwischen den sehr weitreichenden und unterschiedlichen Anwendungen. Insbesondere Fluorpolymere, die eine Rolle in Industrieprozessen, bei der Energie-, Wärme- und der Mobilitätswende sowie für die Digitalisierung spielten, stellten den Angaben der Verbände zufolge kein Risiko für Konsumenten oder Umwelt dar.
 
Chemikalien fänden sich überall, sagt Bundesumweltministerin Steffi Lemke im Interview mit dem Deutschlandfunk. Verbraucher und Arbeiter müssten daher wissen, mit welchen Substanzen sie umgehen. Dafür brauche es Kennzeichnungen, eine weltweite Datenbank und Alternativen, die vom Ende her gedacht werden müssten, so Lemke. Sie erhoffe sich von der Konferenz einen klaren globalen Rahmen für den Umgang mit Chemikalien. Neben Pestiziden und anderen Produkten werde es in Bonn auch um PFAS gehen. Bei dieser mehr als 10.000 Stoffe umfassenden Gruppe solle genau identifiziert werden, welche unverzichtbaren Zwecke PFAS benötigten, wo sie gebraucht würden und wo sie durch Alternativen zu ersetzen seien, die ungefährlich seien oder weniger Risiken bergen. Auch da PFAS mittlerweile weltweit in der Umwelt zu finden seien, brauche es hier eine Klärung, was verantwortbar sei und was nicht.
 
Quellen:

  • Deutschlandfunk (25.9.2023)
  • K-Zeitung, plastverarbeiter.de (26.9.2023)

 

15.09.2023 - 21.09.2023

Ansätze zur Kreislaufwirtschaft

Viele Hersteller würden bisher noch nicht in Kreisläufen denken, sagt Axel Schweitzer, Eigner der Recyclingfirmen Interzero in Köln und Berlin sowie der Alba Group Asia in Singapur, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ). Das Recyclingmagazin berichtet in der aktuellen Ausgabe über ein Positionspapier der Ressourcenkommission am Umweltbundesamt (KRU) mit dem Titel „Chancen und Grenzen des Recyclings im Kontext der Circular Economy“, wonach vor allem bei der Erfolgskontrolle noch Handlungsbedarf bestehe.
 

Im Rahmen der Serie „Die Müllionäre“ hat die SZ den Inhaber des Umweltdienstleisters Interzero, Axel Schweitzer, unter anderem zur Aufspaltung des Berliner Alba Konzerns im Jahr 2022, den Zielen von Interzero und den Absatzschwierigkeiten bei Rezyklaten interviewt. Interzero sei in den Bereichen Kunststoffrecycling, duales System und Mehrwegsysteme tätig und arbeite vor allem daran, Produkten und Materialien ein zweites Leben zu geben, sagt Schweitzer. Im Fokus stünden kreislauffähige Produkte, die dabei helfen, knappe Ressourcen einzusparen und den Ausstoß an Treibhausgasen zu senken. Ziel sei eine Welt ohne Abfall. Schweitzer rufe alle Hersteller dazu auf, in Kreisläufen zu denken. Weltweit hätten viele immer noch überwiegend ein lineares Geschäftsmodell. So berate Interzero Firmen unter anderem mit dem Programm „Made for Recycling“, in dem zum Beispiel Verpackungen analysiert würden und geprüft werde, ob man diese einsparen oder zumindest so gestalten kann, dass sie einfacher zu recyceln sind. Schweitzer plädiere darüber hinaus für eine gesetzlich verankerte Rezyklateinsatzquote, wie sie die EU-Kommission vorgeschlagen habe. Er erlebe leider häufig, dass Verpackungshersteller entscheiden, billigere Neuware statt Rezyklate zu nehmen und das Thema Nachhaltigkeit auf später zu verschieben.
 
Recycling bzw. das Schließen von Stoffkreisläufen werde laut Bericht des Recyclingmagazins in dem Positionspapier der KRU als Kreislaufwirtschaft im engeren Sinne und als unverzichtbarer Teil einer weiter gefassten Circular Economy verstanden. Die sogenannte „‚Ent’sorgungswirtschaft“ werde darin als Teil der „‚ver‘sorgenden Rohstoffwirtschaft“ angesehen, indem „möglichst viele Rohstoffe für Produkte und Dienstleistungen bereitgestellt werden und somit der Bedarf an Primärrohstoffen reduziert werden kann“, zitiert das Fachmagazin aus dem Papier. Darin werde zur Bewertung des Beitrags von Recycling für Ressourcenschonung und Klimawende die klare Benennung des Betrachtungsrahmens gefordert und und der Fokus auf das Recycling von Produkten wie Elektrogeräte, Fahrzeuge und Batterien gelegt. Die Circular Economy umfasse laut Bericht im Wesentlichen vier Ziele: den globalen Klima- und Umweltschutz, die nationale Sicherung der Rohstoffversorgung, die Ressourcenschonung sowie die Einhaltung sozialer Standards in der Lieferkette. Diese Handlungsfelder könnten nach Ansicht der KRU nur durch Leitindikatoren einheitlich bewertet werden. Operative Indikatoren wie Recyclingquoten seien zwar wichtig, aber in der Zielhierarchie nachrangig. Erst eine Lebenszyklusperspektive ermögliche es, einzelne Strategien zu bewerten und Zielkonflikte aufzuzeigen, heiße es im Papier. Die KRU empfehle unter anderem, zusätzlich zu Recyclingquoten operative Indikatoren für prioritäre einzelne Stoffe festzulegen. Für notwendig halte die KRU auch die Einführung von Produktpässen, Tracking- und Tracingsystemen, Standardisierungen und Designvorgaben für Kreislauffähigkeit sowie bessere Rahmenbedingungen für zirkuläre Geschäftsmodelle.
 
Quellen:

  • Süddeutsche Zeitung (17.9.2023)
  • Recyclingmagazin 9/2023 (20.9.2023)

 

Grüne öffnen sich für Speicherung von Kohlendioxid

Tagesmedien berichten, dass sich die Parteispitze der Grünen laut ihrem Programmentwurf zur Europawahl 2024 für die lange umstrittene unterirdische Speicherung von Kohlendioxid, auch als „Carbon Capture and Storage“ (CCS) bezeichnet, öffnen wolle.
 

Um die Klimaziele zu erreichen, müsse man schnell raus aus Kohle, Öl und Gas und rein in erneuerbare Energien und Wasserstoff, zitiert etwa das Handelsblatt aus dem Programm der Grünen, das auf einem Parteitag im November beschlossen werden solle. In einigen wenigen Bereichen werde es aber auch in Zukunft Emissionen geben, die schwer oder nach heutigem Stand der Technologie gar nicht zu vermeiden seien, etwa in der Zementindustrie, heiße es. In diesen Bereichen wolle die Partei technologische Chancen nutzen und das Kohlendioxid direkt bei der Produktion abscheiden, speichern und gegebenenfalls nutzen, zitiert die Zeit aus dem Papier. Dazu solle nach Ansicht der Grünen ein europaweit einheitlicher Regelungsrahmen geschaffen werden. In Deutschland sei die Kohlendioxidspeicherung bisher auf Erprobungs- und Demonstrationszwecke beschränkt, schreibt die Zeit. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) habe sich aber bereits für eine Neuausrichtung ausgesprochen. Grünen Co-Vorsitzende Ricarda Lang habe zudem auf ein Gutachten des Weltklimarates verwiesen. Demzufolge sei man zu spät dran, um auf technologischen Fortschritt zu verzichten. Es sei sinnvoll, dass der Bundesvorstand eine Debatte zur CCS-Technik anstoße, wird die Grünen-Klimaexpertin und Bundestagsabgeordnete Lisa Badum zitiert. Das tue der grünen Seele zwar weh und bringe Ärger mit manchen Klimaschutz-Aktivisten, sei aber der richtige Weg, schreibt die taz. Denn er folge dem Grundsatz, den Grüne und die Klimabewegung gern als Slogan nutzten: „Listen to the Science!“. Und der größte Teil der Wissenschaft sage: Ohne CCS wird das nichts mit den Klimazielen. Allerdings müssten die Regeln wasserdicht sein, so die taz. CCS dürfe nicht den Ausstieg etwa aus dem Gas hinauszögern und den nötigen Ausbau der Erneuerbaren bremsen.
 
Quellen:

  • handelsblatt.com, zeit.de (14.9.2023)
  • taz.de (15.9.2023)

 

Zero-Waste-Europe: Bericht zum Textilienrecycling

Eine aktuelle Studie der NGO Zero Waste Europe (ZWE) zum Textilienrecycling komme laut einem Bericht des Recyclingmagazins zu dem Ergebnis, dass in Europa jährlich 26 Kilogramm Textilien pro Kopf verbraucht würden und elf Kilogramm Textilabfälle anfielen. Rund 60 Prozent der Textilproduktion basierten nach Angaben von ZWE auf Kunstfasern, davon 70 bis 90 Prozent auf dem Kunststoff Polyester.
 

Etwa die Hälfte der Textilienabfälle werde laut Bericht von ZWE für die Wiederverwendung und das Recycling gesammelt. Zu neuer Kleidung recycelt werde ein Prozent, etwa 87 Prozent werde verbrannt oder deponiert. Die Herstellung und der Gebrauch von Kleidung habe sehr negative Auswirkungen auf die Umwelt, betone der Bericht. So würden bei einem Business-as-usual-Szenario die Emissionen des Bekleidungssektors bis 2030 auf 1.588 Gigatonnen ansteigen. Ein wesentlicher Faktor für die Umweltauswirkungen des Textilsektors sei die Verwendung von Kunststoffen. Eine Reduzierung des Polyesterverbrauchs um ein Drittel in Kombination mit Recycling und der Verwendung von Rezyklaten könne die Treibhausgasemissionen des Sektors halbieren. Der Bericht schlage daher vor, das Abfallvermeidungsziel für Textilien in Kilogramm pro Kopf und Jahr auf 33 Prozent bis 2040 im Vergleich zu 2020 festzulegen. Die Textilstrategie der Europäischen Kommission spiegle den Aspekt der Abfallvermeidung bislang nur schwach wider, moniere ZWE.
 
Quellen:

  • Recyclingmagazin 9/2023 (20.9.2023)

 

08.09.2023 - 14.09.2023

Verfassungsbeschwerde gegen Tübingens Verpackungssteuer

Der Rechtsstreit um die Steuer auf Einwegverpackungen, die Tübingen 2022 eingeführt hat, ist laut Medienberichten nun vor dem Bundesverfassungsgericht angekommen. McDonald’s unterstütze die Klage einer Franchisenehmerin. Die Steuererhebung selbst sei davon nicht betroffen, berichtet etwa die Tagesschau. Tübingen werde kommende Woche an die betroffenen rund 440 Unternehmen entsprechende Formulare verschicken und die Steuer rückwirkend auch für das Jahr 2022 erheben.
 

Die Stadt am Neckar, die im Rechtsstreit um die umstrittene Steuer gegen eine McDonald’s-Franchisenehmerin vor dem Bundesverwaltungsgericht gewonnen hatte, zeige sich unbeeindruckt von der von dem Fastfood Konzern unterstützten Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht, ist im Spiegel zu lesen. Die Steuer auf Einwegbecher und Essensverpackungen, mit der Tübingen die Müllmengen im öffentlichen Raum reduzieren wolle, werde wie vorgesehen erhoben. Demnach seien je 50 Cent (netto) für Einwegverpackungen wie Kaffeebecher und Einweggeschirr wie Pommes-Frittes-Schalen fällig sowie 20 Cent für Einwegbesteck und andere Hilfsmittel, etwa Trinkhalme. McDonald’s habe die weitere Unterstützung der Franchisenehmerin bei der Klage vor dem Bundesverfassungsgericht damit begründet, dass es für Planungssicherheit und zur Förderung notwendiger Innovationen für nachhaltigere Verpackungen keine solche „Insellösungen“ geben dürfe, sondern eine bundesweite und -einheitliche Regelung vonnöten sei. Aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) spiele der Konzern mit der Klage auf Zeit. Anstatt Einweg aus seinen Filialen zu verbannen und auf Mehrweg umzusteigen, wolle McDonald’s mit allen Mitteln mutige Kommunalpolitik verhindern, wird die Kritik der DUH an der Verfassungsbeschwerde in den Presseberichten zitiert. Und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer vermute, wie bei Tagesschau.de zu lesen ist, dass McDonalds mit der Klage versuche, andere Städte davon abzuhalten, dem Beispiel Tübingens zu folgen.
 
Quellen:

  • faz.net, tagesschau.de, handelsblatt.de, stuttgarter-nachrichten.de (8.9.2023)
  • spiegel.de (9.9.2023)
  • Euwid Recycling und Entsorgung 37/2023 (12.9.2023)

 

„Mit chemischem Recycling die Kreislauflücke schließen“

Das Recyclingmagazin hat ein Interview des VDMA mit der OMV-Projektleiterin Beate Edl abgedruckt, in dem die Kreislaufwirtschaftsexpertin die Bedeutung des chemischen Recyclings für den österreichischen Öl-, Gas- und Chemiekonzern erläutert. Das Fachmagazin Kunststoffe berichtet über die Paneldiskussion beim diesjährigen Cradle to Cradle Congress in Berlin, bei der die Eignung des chemischen Recyclings für einen 100-prozentigen Kreislauf von Kunststoffprodukten kontrovers diskutiert wurde.
 

Zur Frage nach der Bedeutung des chemischen Recyclings für die OMV sagt Edl, Projektleiterin Circular Economy bei OMV, im Interview im Recyclingmagazin, dass es Bestandteil der OMV-Strategie 2030 sei und vor allem als Ergänzung zum mechanischen Recycling einen hohen Stellenwert besitze. OMV habe schon 2009 das Verfahren ReOil im Labormaßstab entwickelt, das mittlerweile patentiert sei. In 2023 wolle OMV nach dem Betrieb einer in den Standort integrierten Pilotanlage und deren Erweiterung nach Upscaling zu einer kommerziellen Anlage 200.000 Tonnen Altkunststoffe pro Jahr verarbeiten, die der Konzern von Abfallunternehmen sowohl in Österreich als auch im benachbarten Ausland beziehe. Das in Schwechat eingesetzte ReOil-Verfahren der OMV eigne sich insbesondere für die Polyolefine Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol. OMV wolle keinesfalls in Konkurrenz zum mechanischen Recycling treten und konzentriere sich daher auf stark verunreinigte oder vermischte Kunststoffe, die mit den bestehenden Verfahren im mechanischen Recycling nicht verarbeitet werden könnten. Auch zur Frage nach dem ökologischen Nutzen des chemischen Recyclings äußert sich Edl. Demnach habe ein Lifecycle-Assessment im Jahr 2022 mit einem Vergleich zur thermischen Verwertung ergeben, dass im Jahr 2030 34 Prozent der Treibhausgasemissionen eingespart werden könnten, wenn die untersuchten Abfallströme, die aktuell in die Verbrennung gingen, mit der ReOil-Technologie chemisch recycelt würden. Das zeige, dass chemisches Recycling, als zusätzliche Technologie zu den bestehenden Verfahren, einen wertvollen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten könne. Um die Lücke zwischen der europäischen Recyclingquote für Kunststoffverpackungen im Jahr 2020 von 38 Prozent zu den EU-Recyclingzielen – Steigerung der Recyclingquote für Kunststoffverpackungen bis 2025 auf 50 Prozent und bis 2030 auf 55 Prozent – zu schließen, sei es notwendig, die Technologie des chemischen Recyclings komplementär zu bestehenden Recyclingtechnologien einzusetzen, so Edl..
 
Ob sich Kunststoffprodukte zu 100 Prozent wiederverwerten lassen - und das nicht nur einmal, sondern immer wieder, darüber diskutierten laut eines Berichts von Kunststoffe die Teilnehmer einer Paneldiskussion auf dem diesjährigen Cradle to Cradle Congress in Berlin. Nach dem Cradle to Cradle Ansatz sollten sich Produkte im Idealfall – sofern sie nicht abbaubar sind – immer wieder recyceln lassen. Doch wisse man aus der Kunststoffverarbeitung, dass dem mechanischen Recycling Grenzen gesetzt seien, schreibt Kunststoffe. Mit dem chemischen Recycling stehe eine – umstrittene – Alternative zur Verfügung, wie bei einer Paneldiskussion in Berlin über die Vorteile und Grenzen mechanischer und chemischer Verfahren zwischen Dagmar Glatz (dm-drogerie markt), Timothy Glaz (Werner & Mertz), Tara Nitz (Covestro) und Ruth Prinzmeier (Interface Deutschland) deutlich geworden sei. Die Ansichten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer reichten dabei von der Forderung, dass chemisches Recycling der letzte Weg sein sollte (Glatz, dm), über das Argument, dass es beim chemischen Recycling noch zu viele ungeklärte Fragen wie etwa hinsichtlich der Energiekosten gebe (Glaz, Werner & Mertz), bis hin zum Hinweis, dass bereits funktionierende Prozesse etwa für Matratzen aus Polyurethan-Weichschäumen entwickelt worden seien und es auch nicht nur eine Methode gebe (Nitz, Covestro). Nitz weise aber auch darauf hin, dass chemisches Recycling kein „magischer Allesfresser“ sein werde. So lautet dann auch das Resümee in Kunststoffe: Dem Recycling komme bei Cradle to Cradle eine ganz entscheidende Rolle zu. Das betreffe sowohl das Produktdesign als auch die Verfahren für die Wiederaufbereitung. Beim Produktdesign müsse gemäß C2C von Anfang an das Nutzungsszenario eines Gegenstandes berücksichtigt werden. Für das Recycling heiße das: Es gehe nicht um ein Entweder-oder, sondern: Wo setzen wir welche Technologie ein?.
 
Quellen:

  • kunststoffe.de (11.9.2023)
  • recyclingmagazin.de (13.9.2023)

 

Überarbeitung der EU-Altfahrzeugrichtlinie: VDA kritisiert Closed-Loop-Ansatz

Tagesmedien, so etwa die Frankfurter Rundschau (FR), berichten über den Entwurf der EU-Kommission zur Novelle der Altfahrzeugrichtlinie und ein sich darauf beziehendes Positionspapier des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA), wonach dieser eine grundsätzliche Überarbeitung der geplanten Rezyklateinsatzquoten für Kunststoffe vorschlage. Die laut Gesetzesentwurf der EU-Kommission vorgesehene Regelung, dass in Neuwagen 25 Prozent Kunststoffrezyklat eingesetzt werden müssten, von denen wiederum 25 Prozent aus der Altfahrzeugverwertung stammen sollten, halte der VDA für in der Praxis nicht umsetzbar.
 

Die EU-Kommission habe im Juli einen Entwurf für eine Verordnung vorgestellt, da trotz hoher Recyclingquoten – in Deutschland lägen diese bei 94 Prozent Wiederverwertung und 87 Prozent Recycling – einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft im Automobilsektor einige Hindernisse im Weg stünden, schreibt die FR. So würden etwa nur geringe Mengen an Kunststoffen aus Altfahrzeugen bislang recycelt und wiederverwendet, viele Fahrzeuge ins Ausland exportiert und nicht in Deutschland verwertet. Im Fokus der Überarbeitung, zu der noch bis Ende Oktober die öffentliche Konsultation laufe, stünden Ziele für den Rezyklateinsatz. Die Automobilindustrie, die in Europa zu den größten Verbrauchern von Primärrohstoffen gehöre, setze bisher nur wenig recycelte Materialien ein, heißt es in der FR. Um das Recycling und die Wiederverwertung der Rohstoffe im Automobilsektor zu fördern, lege die Kommission in ihrem Verordnungsentwurf Zielvorgaben für den Rezyklateinsatz in Fahrzeugen fest, konkret allerdings bislang nur für Kunststoffe. Der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) sei „bestrebt, den Einsatz von Sekundärmaterialien zu erhöhen und somit weniger Neumaterialien aus fossilen Quellen und Erzen zu verwenden“, zitiert etwa das Solinger Tageblatt aus einem aktuellen Positionspapier zur Kreislaufwirtschaft des VDA. Bislang bezögen sich viele Projekte jedoch vor allem auf das Recycling der Batterien von E-Autos. Michael Püschner, Leiter des Fachgebiets Umwelt und Nachhaltigkeit beim VDA, plädiere dafür, anders als im Gesetzesentwurf der EU-Kommission vorgesehen, zur Erfüllung der geplanten Rezyklateinsatzquoten die Nutzung aller Materialquellen zu ermöglichen. Für Kunststoffe sehe der Kommissionsentwurf zum Beispiel lediglich einen Post-Consumer- sowie einen Closed-Loop-Ansatz vor, bei dem die Rezyklateinsatzquoten durch wiedergewonnene Materialien desselben Fahrzeugtyps erreicht werden müssten. Dies sei in der Praxis nicht umsetzbar, wird Püschner in den Medienberichten zitiert. Deshalb sollte es mehr und branchenübergreifende Optionen für die Unternehmen geben, um die vorgegebenen Quoten auch nur ansatzweise erreichen zu können. Der VDA schlage daher vor, die Höhe und Zusammensetzung der Rezyklateinsatzquote noch einmal grundsätzlich zu überdenken und an die tatsächlichen Marktgegebenheiten anzupassen.
 
Quellen:

  • Frankfurter Rundschau, Solinger Tageblatt, op-online.de (11.9.2023)

 

01.09.2023 - 07.09.2023

Verbände präsentieren gemeinsames Leitbild zur NKWS

Die Fachpresse berichtet über ein gemeinsames Positionspapier des BDE, Plastics Europe Deutschland und VCI für die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie, das am 6. September in Berlin vorgestellt wurde. Darin setzten sich die Wirtschaftsakteure der chemischen Industrie, Kunststoff- und Recyclingindustrie gemeinsam für Rahmenbedingungen ein, die eine erfolgreiche nationale Kreislaufwirtschaft bei Kunststoffen ermöglichen solle. Kernaussage des Papiers sei das klare Bekenntnis der Industrie sowohl zur Priorität des mechanischen Recyclings als auch zu angemessenen Rahmenbedingungen für das chemische Recycling, heißt es in den Berichten.
 

Der BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft, Plastics Europe Deutschland (PED) und der Verband der Chemischen Industrie (VCI) präsentierten mit ihrem Leitbild eine gemeinsame Position und gäben Empfehlungen zur Verbesserung der heute noch nicht befriedigenden Recyclingsituation bei Kunststoffen, berichtet etwa das Recyclingmagazin. In ihren Leitlinien mahnten die Fachverbände unter anderem an, dass bereits beim Design von Produkten auf eine mechanische Recyclingfähigkeit sowie auf eine Reduzierung des Materialeinsatzes im Sinne der Abfallvermeidung geachtet werden müsse. Alle drei Verbände hätten sich darin zur klaren Priorität des mechanischen Recyclings und zur Technologieoffenheit bekannt, ist auch in einem Bericht von Euwid zu lesen. Mechanisches, lösemittelbasiertes und chemisches Recycling sollten sich aus ihrer Sicht so ergänzen, dass quantitativ und qualitativ besser recycelt werde und Umweltbelastungen reduziert werden könnten. Sämtliche Kunststoffabfälle, die mechanisch recycelt werden können, müssten auch mechanisch recycelt werden, heiße es in dem Positionspapier laut Euwid. Nicht werkstofflich verwertbare Kunststoffabfälle sollten technologieoffen durch lösemittelbasierte und chemische Recyclingverfahren im Kreislauf gehalten werden. Technologieübergreifende Investitionen in das Recycling seien wichtige Treiber für eine effiziente Kreislaufführung, betonten die Verbände. Hierfür seien aus ihrer Sicht innovationsfreundliche Rahmenbedingungen mit einer entsprechenden Regulatorik erforderlich, zitiert Euwid aus dem Verbändeleitbild. Mit Blick auf das Verpackungsgesetz werde eine höhere Recyclingquote vorgeschlagen, da derzeit mehr als die Hälfte der Kunststoffverpackungen verbrannt würden. Die bestehende Quote für die werkstoffliche Verwertung solle erhöht und von einer zusätzlichen Verwertungsquote für chemisches Recycling flankiert werden, ist in dem Beitrag von Euwid weiter zu lesen. Beide Quoten sollten hinreichend bemessen werden, um den Ausbau sowohl des mechanischen und des lösemittelbasierten Recyclings einerseits sowie des chemischen Recyclings andererseits ambitioniert weiterzuentwickeln. Damit würde nach Ansicht der Verbände auch die im Koalitionsvertrag angekündigte Aufnahme des chemischen Recyclings ins Verpackungsgesetz umgesetzt. Erneut hätten sich die drei Verbände für ein schnellstmögliches Deponierungsverbot von Kunststoffabfällen innerhalb der EU ausgesprochen und für eine thermische Abfallverwertung von Kunststoffabfällen plädiert, bei der die Abscheidung und Verwendung des dabei entstehenden CO2 (CCU, Carbon Capture and Utilization) in die Kreislaufwirtschaft integriert werden sollen. Ferner bekräftigte Norbert Theihs, Mitglied der Geschäftsführung und Leiter des VCI Hauptstadtbüros, bei der Vorstellung des Leibildes laut Euwid die Forderung nach wirtschaftlichen Anreizen, einschließlich wettbewerbsfähiger Strompreise. Für eine erfolgreiche Transformation der Wirtschaft sei ein Industriestrompreis unverzichtbar. Alle drei Verbände erklärten darüber hinaus, das globale Abkommen gegen Plastikmüll in der Umwelt aktiv unterstützen zu wollen.
 
Weitere Information: zum Download des Leitbilds auf der Webseite des BDE
 
Quellen:

  • recyclingmagazin.de, euwid-recycling.de (6.9.2023)

 

„Deutschland könnte seine Klimaziele verfehlen“

Zu diesem Schluss komme eine Klimapolitikanalyse des Climate Action Tracker (CAT), berichtet die FAZ. Ebenfalls in der FAZ findet sich ein Beitrag mit dem Standpunkt des CEO von Covestro und VCI-Präsident, Dr. Markus Steilemann, zur Mobilitätswende in Deutschland. Er rufe zum klaren Schritt vom „Wollen zum Machen“ auf. Entscheidend für die Wirtschaft sei ein möglichst bald einzuführender „Brückenstrompreis“. Diesen fordere der VCI erneut gemeinsam in einer Allianz aus Industrieverbänden und Gewerkschaften, berichtet das Handelsblatt.
 

Laut Klimapolitikanalyse des unabhängigen Wissenschaftsdienstes CAT reiche die deutsche Klimapolitik nicht aus, um das Klimaziel – Reduktion klimaschädlicher Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 um 65 Prozent – zu erreichen, berichtet die FAZ. Im Idealfall könne nach der Analyse des CAT maximal eine Minderung der Emissionen um 61 bis 63 Prozent erreicht werden. Das Ergebnis der CAT-Analyse decke sich in seiner Grundaussage auch mit einem kürzlich vom Klima-Expertenrat der Bundesregierung vorgelegten Gutachten. Im Entwurf für das neue Klimagesetz der deutschen Bundesregierung habe CAT vor allem die aufgeweichten Sektorziele als Schwachstelle identifiziert, was insbesondere für die Sektorziele in den Bereichen Verkehr und Gebäude gelte. Als positive Entwicklung hebe die Analyse des CAT hervor, dass die Hürden für den Ausbau regenerativer Energiequellen hierzulande sukzessiv abgebaut würden.
 
Die Gefahr, dass Deutschland seine Klimaziele verfehlen könnte, sieht auch VCI-Präsident und CEO von Covestro, Markus Steilemann, dessen Standpunkt zur Mobilitätswende anlässlich der IAA Mobility 2023 in München die FAZ abgedruckt hat. Die 15 Millionen Elektroautos, die bis 2030 auf Deutschlands Straßen schnurren sollen, sind noch in sehr weiter Ferne, sagt Steilemann. Aktuell liege der Bestand bei knapp 1,2 Millionen Fahrzeugen. Und wenn sich der Trend zu steigenden Treibhausgasemissionen im Verkehr nicht sehr bald radikal umkehre, drohe Deutschland seine Klimaziele zu verfehlen. Die Mobilitätswende sei eng verknüpft mit anderen großen Wendemanövern, so Steilemann, insbesondere mit der Energie- und Chemiebranche. Letztere verfolge konsequent das Ziel, bis 2045 klimaneutral zu werden, und stelle die Produktion zunehmend auf fossilfreie Energie und Rohstoffe um hin zu Quellen wie Biomasse und Abfall. Und die Automobilindustrie brauche klimaneutrale und gut recycelbare Kunststoffe, um E-Autos und Batterien möglichst leicht und sicher zu machen, betont Steilemann. Doch in Deutschland stimmten die Rahmenbedingungen nicht mehr, es gebe strukturelle Defizite, das Land falle im globalen Standortvergleich zusehends ab. Das Problem sieht er aber momentan vor allem auf der psychologischen Ebene: Man – auch die Wirtschaft – müsse sich gemeinsam aufraffen und solidarisch sein. Steilemann ruft dazu auf, den entscheidenden Schritt vom „Wollen zum Machen“ zu gehen.
 
Der VCI poche gemeinsam mit Vertretern anderer energieintensiver Branchen und Gewerkschaften bei der Bundesregierung auf einen subventionierten Industriestrompreis, berichtet das Handelsblatt. Die Zeit dränge, weil Investitionsentscheidungen unmittelbar bevorstünden. Das Bündnis, das sich selbst „Allianz pro Brückenstrompreis“ nenne, vertrete nach eigenen Angaben 1,1 Millionen Beschäftigte in 8.000 energieintensiven Betrieben. Die Verbände beklagten, dass bei der Kabinettsklausur in Meseberg „erneut wichtige Zukunftsentscheidungen vertagt“ worden seien. Aus ihrer Sicht drohe die gesamte industrielle Wertschöpfungskette in Europa ,nachhaltig Schaden zu nehmen. Ohne einen Brückenstrompreis ab 1. Januar 2024 seien weiterhin Arbeitsplätze und ganze Standorte bedroht.
 
Quellen:

  • Handelsblatt (1.9.2023)
  • FAZ (5.9.2023)
  • FAZ (6.9.2023)

 

25.08.2023 - 31.08.2023

Kunststofferzeuger, -verarbeiter und Entsorger appellieren an die Politik

Laut Berichten in Tages-, Wochen- und Fachmedien mehren sich angesichts hoher Energiekosten, drastischer Umsatzeinbrüche und zurückgehender Wettbewerbsfähigkeit unter Kunststofferzeugern, -verarbeitern und Entsorgern die Sorgen um den Industrie- und Wirtschaftsstandort Deutschland. So hätten etwa VCI-Präsident Dr. Markus Steilemann und BDE-Präsident Peter Kurth erneut die aus ihrer Sicht dringend benötigte Schaffung eines Industriestrompreises betont und die Präsidentin des Gesamtverbands Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV), Dr. Helen Fürst, einen „breit angelegten und unmittelbar wirksamen Befreiungsschlag“ etwa durch die Absenkung von Strom- und Unternehmenssteuern gefordert.
 

Aus der Industrie sei nach der zweitägigen Klausurtagung des Bundeskabinetts in Meseberg heftige Kritik daran gekommen, dass der Industriestrompreis dort nicht beschlossen worden sei, berichtet etwa die taz. Deutschlands Industrie sende SOS, aber die Bundesregierung ignoriere weiter die akute Notlage, wird der Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), Markus Steilemann, in dem Bericht zitiert. Statt Langfristprogramme brauche die chemische Industrie schnelle Hilfe bei der Krisenbewältigung. Der Brückenstrompreis sei, so Steilemann, ein Must-have, um die Deindustrialisierung zu stoppen. Massive Kritik an der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung habe in der Woche zuvor auch die Präsidentin des Gesamtverbands Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV), Helen Fürst, geübt, ist in Kunststoff Information zu lesen. Das Wachstumschancengesetz reiche in keiner Weise aus, um der Industrie den notwendigen Schwung zurückzugeben, habe die GKV-Chefin bei der Vorstellung der Branchenzahlen für das erste Halbjahr 2023 moniert. Statt sich um die wichtigen Anliegen der Wirtschaft zu kümmern, sei die Ampelkoalition „uneinig oder erkennbar gänzlich unwillig“, wird Fürst bei KI zitiert. Laut GKV seien die Umsätze der deutschen Kunststoffverarbeiter in den ersten sechs Monaten des Jahres 2023 um 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken. Neben einer Absenkung der Strom- und Unternehmenssteuern fordere der GKV auch die Bauvorschriften von der „Überfrachtung mit Standards“ zu befreien und hierzulande „deutlich schneller und konsequenter“ um ausländische Fachkräfte zu werben.
 
Der BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft habe seiner Sorge um den Wirtschaftsstandort Deutschland in einem Schreiben zum derzeit laufenden Dialogprozess zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) an die zuständige Abteilungsleiterin im Bundesumweltministerium (BMUV), Susanne Lottermoser, Ausdruck verliehen, ist einem Bericht von Euwid zu entnehmen. Die Rahmenstrategie solle nach Maßgabe des Ministeriums Ziele, grundlegende Prinzipien und strategische Maßnahmen festlegen, damit Stoffkreisläufe geschlossen und Rohstoffe aus dem Recycling stärker genutzt werden, so dass in Deutschland der Weg hin zu einer zirkulären Wirtschaftsweise geebnet werde. BDE-Präsident Kurth ziehe nach dem Abschluss der Kommentierungsphase zu den Ergebnissen von acht runden Tischen, bei denen die geplante NKWS mit Verbändevertretern diskutiert und Vorschläge präsentiert worden seien, eine kritische Zwischenbilanz. Aus Sicht des BDE fehlten bislang vor allem die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen, die der Standort Deutschland dringend und rasch brauche. So gebe es etwa im Kunststoff- und Metallbereich massive Probleme, aus Abfällen gewonnene Rohstoffe im Produktkreislauf zu halten, weil die Abnehmer ihre Kapazitäten massiv heruntergefahren hätten. Mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in Deutschland habe Kurth in dem Schreiben einen Industriestrompreis gefordert. Dieser könne bei der NKWS keinesfalls ausgeklammert werden. Darüber hinaus fordere der BDE-Präsident Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung für Unternehmen, die in besseres Recycling investieren sollen. Das wichtigste Ziel der NKWS, die Reduzierung des Rohstoffeinsatzes pro Kopf und Jahr auf sechs oder sieben Tonnen, bezeichne Kurth angesichts anstehender Aufgaben wie etwa der Sanierung von Gebäuden und Infrastruktureinrichtungen als falsch. Deutschland müsse ein wettbewerbsfähiger Industriestandort bleiben, was Rohstoffeinsatz bedeute und mit der Vorgabe eines Reduktionsziels nicht vereinbar sei.
 
Bei einer Pressekonferenz am 06. September 2023 wolle der BDE zusammen mit dem Verband der Kunststoffhersteller PlasticsEurope Deutschland e.V. (PED) und dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) ein gemeinsames Leitbild zu einer Kreislaufwirtschaft mit Kunststoffen in Deutschland präsentieren, ist einem Bericht des Entsorgungsmagazins zu entnehmen. Die drei Verbände, die die Erarbeitung der NKWS mit Nachdruck unterstützten, sprächen sich unter anderem klar für eine Priorität des mechanischen Recyclings sowie für das chemische Recycling von Kunststoffen aus, die für werkstoffliche Verfahren nicht geeignet seien. Lesen Sie dazu auch die News vom 31. August 2023 „Gemeinsames Leitbild für Kunststoffkreislaufwirtschaft“.
 
Quellen:

  • Kunststoff Information (25.8.2023)
  • Augsburger Allgemeine Zeitung (28.8.2023)
  • Euwid Recycling und Entsorgung 35/2023 Kunststoff Information (29.8.2023)
  • zdf.de, taz (30.8.2023)
  • e-mag.press (31.8.2023)

 

Novelle der Altfahrzeugverordnung

Das Recyclingmagazin berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über die geplanten Neuregelungen der EU-Kommission für Altfahrzeuge. Wesentliche Änderungen seien die Einführung einer erweiterten Herstellerverantwortung sowie Recycling- und Einsatzquoten für Kunststoffe. Der TecPart Verband Technische Kunststoff-Produkte halte die geplanten Rezyklateinsatzquoten für zu ambitioniert und derzeit nicht erfüllbar, ist in Euwid zu lesen.
 

Der Vorschlag der EU-Kommission für die Verordnung konzentriere sich laut des Berichts im Recyclingmagazin auf drei Hauptaspekte, um den Übergang der Industrie zu einer Kreislaufwirtschaft zu unterstützen: Anforderungen an die Kreislaufwirtschaft bei der Typgenehmigung von Fahrzeugen, die Entsorgung von Altfahrzeugen und die Ausfuhr von Gebrauchtfahrzeugen. Er umfasse die Bereiche „zirkulär gestalten“, „Rezyklatanteil“, „bessere Behandlung“, „mehr sammeln“, „erweiterte Herstellerverantwortung“ und „mehr Fahrzeuge erfassen“. Hinsichtlich der Quoten sehe die geplante wie bereits die aktuell geltende Verordnung vor, dass alle Fahrzeuge, die in ihren Geltungsbereich fallen, ab 2030 zu mindestens 85 Prozent wiederverwendbar oder recyclingfähig und zu mindestens 95 Prozent wiederverwendbar oder verwertbar sein müssen. Doch wolle die Kommission dazu nun eine neue Methode zur Berechnung und Überprüfung der Wiederverwendbarkeit, Recyclingfähigkeit und Verwertbarkeit vorlegen. Fahrzeuge müssten zudem künftig so beschaffen sein, dass bestimmte Teile und Komponenten von zugelassenen Verwertungsbetrieben problemlos entnommen werden können, und drei Jahre nach Inkrafttreten der Verordnung müssten die Hersteller für jeden Fahrzeugtyp eine Recyclingstrategie entwickeln, ist im Recyclingmagazin weiter zu lesen. Darüber hinaus würden laut Verordnungsentwurf Fahrzeuge, die sieben Jahre nach Inkrafttreten der Verordnung in Verkehr gebracht werden, einen digitalen Produktpass oder Kreislauffahrzeugpass benötigen. Auch müssten die Mitgliedsstaaten dann ein Herstellerregister einrichten. Der Entwurf der EU-Kommission sehe zudem vor, dass bis 2030 die Kunststoffbauteile in Neufahrzeugen mindestens 25 Prozent Rezyklat enthalten müssen, wovon 25 Prozent Rezyklate aus Kunststoffprodukten sein sollen, die schon im Gebrauch waren, also Post-Consumer Rezyklate (PCR), ist einem Bericht von Euwid über die Analyse der geplanten Vorgaben durch den TecPart Verband Technische Kunststoff-Produkte zu entnehmen. Für Deutschland halte der Verband die geplanten Rezyklateinsatzquoten für derzeit nicht erreichbar, da das Potenzial für die Rezyklate hierzulande limitiert sei. Ein Großteil der außer Betrieb gesetzten Fahrzeuge (2022: 3,5 Millionen Stück) werde laut TecPart in andere Länder exportiert und nur rund zehn Prozent würden in Deutschland verwertet. Der Verband gehe davon aus, dass in jedem Neufahrzeug 400 Kilogramm Kunststoffe verbaut werden, schreibt Euwid. Davon wären derzeit rund 200 Kilogramm aus den Materialien PE, PP, PA und ABS. Die andere Hälfte der Produkte bestehe aus mehr als 100 Kunststofftypen. Auch entstehe aus rund 1,1 Millionen Tonnen von insgesamt 2,1 Millionen Tonnen der in E+E- und Fahrzeuganwendungen pro Jahr verarbeiteten, meist technischen Kunststoffe (wie PA, ABS, PBT, POM, PC) kein großer Abfallstrom nach ihrer Nutzung und zudem bestünden diese Altkunststoffe oft aus einem schwer zu recycelnden Materialmix. Die Forderung der neuen EU-Autoverordnung, mehr Rezyklat für Kunststoffbauteile in Neufahrzeugen einzusetzen, begrüße der Verband zwar, wird Tecpart-Geschäftsführer Michael Weigelt bei Euwid zitiert. Da die Rezyklateinsatzquoten aber auch für andere Branchen wie Verpackungen bis 2030 ansteigen und nach dem Entwurf der Kommission Post Industrial Rezyklate (PIR) aus der Produktion nicht mehr als „quotenfähiges“ Rezyklat zählen sollen, wäre eine drastische Steigerung der Kunststoffverwertung von Post-Consumer-Abfällen in Deutschland und Europa erforderlich. Für die im TecPart organisierten Kunststoffrecycler wären die laut der Verordnung verlangten Rezyklatmengen insbesondere bei Ausschluss von PIR daher nicht realistisch, so Weigelt.
 
Noch bis zum 26. Oktober können betroffene Kreise ihre Rückmeldungen zu dem Verordnungsentwurf auf der Webseite der EU-Kommission abgeben.
 
Quellen:

  • Recyclingmagazin 8/2023
  • Euwid Recycling und Entsorgung 35/2023 (29.8.2023)
  • ec.europa.eu

 

21.07.2023 - 24.08.2023

GKV-Mitglieder übererfüllen Energieeffizienz- und Klimaschutzziele

Die Fachzeitschrift Maschinenmarkt berichtet über den erfolgreichen Abschluss der Arbeiten des Energieeffizienz- und Klimaschutznetzwerks im Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV), das seit der Gründung im Jahr 2020 pro Jahr 30.485 Megawattstunden oder umgerechnet 14.490 Tonnen CO2 eingespart habe.
 

Mit den Einsparungen der teilnehmenden 12 Unternehmen seien nach Angaben des GKV die zu Beginn der Netzwerkperiode gesetzten Ziele deutlich übererfüllt worden. Das Energieeffizienz- und Klimaschutznetzwerk im GKV gehöre nach Angaben im Maschinenmarkt zur Initiative Energieeffizienz- und Klimaschutznetzwerke, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) sowie von 21 Verbänden und Organisationen der deutschen Wirtschaft getragen und von weiteren Kooperationspartnern unterstützt werde. Die im Netzwerk des GKV organisierten Fachexperten aus den Mitgliedsunternehmen nutzten regelmäßige Treffen zum Wissenstransfer zu Themen der Energieeffizienz, Klimaschutz und zur Verbesserung der Nachhaltigkeit der Unternehmen. Die erreichten deutlichen Steigerungen der Energieeffizienz und der Beitrag zum Klimaschutz zeigten eindrucksvoll die laufende Transformation der Industrie, wird Dr. Oliver Möllenstädt, Hauptgeschäftsführer des GKV, im Bericht des Fachmagazins zitiert.
 
Quelle:

  • maschinenmarkt.de (23.8.2023)

 

Für und wider chemisches Recycling

In einer Reihe von Berichten der Tages- und Fachmedien wird das kontrovers diskutierte Thema aufgegriffen. So schreibt etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) über den „Zankapfel chemisches Recycling“, und die Fachpresse berichtet über ein Eckpunktepapier von Vertretern aus Reihen der chemischen Recycler, Konsumgüterindustrie, Kunststofferzeuger sowie Entsorgungswirtschaft mit Vorschlägen, wie die Hindernisse für chemische Verfahren abgebaut werden könnten. Eine zentrale Forderung der Industrie, die in den Berichten sowie auch in Interviews wie etwa mit dem Hauptgeschäftsführer des Kunststofferzeugerverbands Plastics Europe Deutschland, Ingemar Bühler, genannt wird, betrifft die gesetzliche Anerkennung der Verfahren als Recyclingoption in deutschem wie auch im EU-Recht.
 

Hersteller warnten, ohne die passenden Vorgaben werde kein Unternehmen in die Technik investieren, ist in dem Bericht der FAZ zu lesen. Altkunststoffe in einem chemischen Prozess in ihre Bausteine zurückzuverwandeln und als Rohstoff wieder in den Produktionsprozess einzubringen, sei technisch in den allermeisten Fällen kein Problem, zitiert das Blatt den Vorsitzenden von Plastics Europe Deutschland, Dr. Ralf Düssel. Gefeilt werde nun in Brüssel und hierzulande an wesentlichen Details wie der Frage, wie die recycelten Grundchemikalien, die am Anfang der Wertschöpfungskette eingesetzt werden, auf die Endprodukte umgerechnet werden sollen. Für die Berechnung der Anteile chemisch recycelter Kunststoffe in Produkten fordere die Industrie eine „freie Anrechenbarkeit“, schreibt die FAZ. Nur wenn sie frei bestimmen könne, welchem Endprodukt welcher Recyclinganteil zugerechnet werde, sehe sich die Industrie in der Lage, die geforderten Quoten zu erreichen, argumentiere Düssel laut der FAZ. Ein weiterer Streitpunkt seien Importe von Altkunststoffen, die die EU absehbar für ein funktionierendes Kreislaufsystem einbeziehen müsse, damit der Wirtschaft die benötigten Rohstoffe zur Verfügung stehen. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) fordere deshalb, Grenzströme innerhalb der EU zuzulassen und den Import von Kunststoffmischabfällen „regulatorisch zu erleichtern“, berichtet die FAZ.
 
Vorschläge zu Bereichen, in denen der Gesetzgeber die Weichen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft bei Kunststoffen stellen sollte, legten kürzlich auch die im Unternehmerforum chemisches Recycling (UFCR) organisierten Akteure der gesamten Wertschöpfungskette vor, berichtet die Fachpresse. Den Produktstatus für Erzeugnisse des chemischen Recyclings, die Einführung von Rezyklat-Einsatzquoten sowie die Anerkennung von Massenbilanzen identifizierten die Mitglieder des UFCR als drei der zentralen politischen Handlungsfelder. So würden verpflichtende Rezyklat-Einsatzquoten in Verpackungen und anderen Anwendungen nach Ansicht der Beteiligten die Transformation von fossilen hin zu zirkulären Rohstoffen beschleunigen, wobei ambitionierte Ziele der Rohstoffsubstitution sich nur erreichen ließen, wenn auch Sekundärrohstoffe aus dem chemischen Recycling wie etwa Pyrolyseöl berücksichtigt würden.
 
Dass das chemische Recycling werkstofflichen Recyclern den verwertbaren Abfall wegnehmen könnte, dem widerspricht Ingemar Bühler, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland, im Interview, das im Rahmen einer aktuellen Interview-Reihe des VDMA unter dem Motto „Let´s talk about Chemical Recycling“ erschienen ist und von der Fachpresse aufgegriffen wurde. Es werde immer deutlicher, dass die Kombination mechanischer und chemischer Verfahren notwendig sei, wenn man von den großen Abfallbergen herunterkommen und eine echte Kreislaufwirtschaft etablieren wolle, sagt Bühler in dem VDMA-Interview, das etwa in der K-Zeitung zu lesen ist. Der Energieaufwand sei beim chemischen Recycling viel höher als beim mechanischen Recycling, räumt Bühler ein. Doch anstatt nicht mehr nutzbare Polymere mit hohem Aufwand und unter Freisetzung von Kohlendioxid zur Energiegewinnung zu nutzen, wäre es aus Sicht der Industrie viel besser, diese Polymere chemisch zu recyceln und den Kohlenstoff weiter im Kreis zu führen. Das chemische Recycling, so Bühler, stehe also nicht in Konkurrenz zum mechanischen Recycling, sondern zur Verbrennung. Mit chemischen Recyclingverfahren könnten, betont Bühler, Abfallfraktionen verarbeitet werden, bei denen mechanische Recyclingverfahren an ihre Grenzen stoßen. Das sieht auch Michael Ludden, Geschäftsführer der Sutco Recycling GmbH, so, wie dieser in einem weiteren VDMA-Interview ausführt, das unter anderem im Recyclingportal zu lesen ist. Doch stehe zu befürchten, dass die chemischen Recycler jetzt auch Material verwendeten, welches die mechanischen Recycler sehr gut verarbeiten könnten. Angesichts der gesetzlich festgelegten fünfstufigen Abfallhierarchie müssten die Gleichstellung von mechanischem und chemischem Recycling ebenso wie eine „Kannibalisierung der Stoffströme“ durch entsprechende Regelungen unbedingt verhindert werden, so Ludden. Das chemische Recycling stecke zwar noch in den Kinderschuhen, habe aber ein Riesenpotenzial, sagt Jochen Schofer, Head of Sales der Business Unit Recycling bei dem Maschinenbauer Coperion GmbH in einem weiteren Branchen-Interview mit dem VDMA, das etwa im Recyclingmagazin nachzulesen ist. Der große Vorteil von chemischem Recycling gegenüber dem mechanischen sei, dass man damit alle Arten von Kunststoff recyceln könne und keine sortenreinen Stoffströme mehr brauche. So könnten mit chemischem Recycling auch Verbundstoffe recycelt werden. Voraussetzung sei aber, dass man einen großen Stoffstrom habe, denn nur dann könne das Verfahren wirtschaftlich betrieben werden.
 
Weitere Informationen: zum Download des Eckpunktepapiers des UFCR
 
Quellen:

  • FAZ (23.7.2023)
  • packagin-journal.de (27.7.2023)
  • euwid-recycling.de (31.7.2023)
  • recyclingportal.eu (9.8.2023)
  • recyclingmagazin.de (16.8.2023)
  • k-zeitung.de, plastverarbeiter.de (21.8.2023)

 

„Kampf gegen Verpackungsmüll“

Die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtet über die Tragweite der geplanten Regelungen der EU-Verpackungsverordnung, mit der unter anderem neue Vorgaben für sämtliche Verpackungen eingeführt werden sollen. In Deutschland könnte der Kampf gegen Verpackungsmüll zunehmend auf kommunaler Ebene mit Einführung einer Verpackungssteuer geführt werden, wie aus Berichten der Tages- und Fachpresse hervorgeht. Demnach habe Leipzig in der Urteilsbegründung die Rechtmäßigkeit kommunaler Steuern auf Einwegverpackungen bestätigt.
 

Die geplante EU-Verpackungsverordnung enthalte erstmals Vorgaben für einen Mindestanteil an recyceltem Material in Verpackungen, gebe Anweisungen für die Recyclingfähigkeit, führe neue Kennzeichnungspflichten ein und beschränke die Gestaltung von Verpackungen, berichtet die SZ. So sollen etwa Verpackungen, die zu weniger als 70 Prozent recyclingfähig sind, von 2030 an verboten werden. Mit der geplanten Verpackungsverordnung gehe es aber nicht mehr nur um die Endverbraucher, wird Georg Schmidt, Fachreferent für Verpackungsgesetzgebung beim Grünen Punkt zitiert, sondern etwa auch um die riesigen Mengen an Transport- und Gewerbeverpackungen. Die Industrie sei angesichts der geplanten Regelungen alarmiert und beobachte die Entwicklung dieses Gesetzes mit wachsender Sorge. Auf die betroffenen Unternehmen in Deutschland komme, sollte das Gesetz wie geplant verabschiedet werden, ein wahnsinniger administrativer Aufwand zu, so Schmidt.
 
Unter anderem die Tagesschau berichtet über die Bestrebungen einzelner Städte, nach dem Vorbild Tübingens eine kommunale Steuer auf Einwegverpackungen einzuführen, durch die die Menge an Abfällen reduziert werden solle. Einwegverpackungen machten mehr als 40 Prozent des Straßenmülls aus, heißt es im Bericht der Tagesschau. Um die Müllmenge zu reduzieren, erwägten nun mehrere Städte wie zum Beispiel Bamberg, Nürnberg und München, eine Verpackungssteuer einzuführen, wie es sie seit Anfang 2022 in Tübingen gebe. Dass dies zulässig sei, habe im Mai das Bundesverwaltungsgericht entschieden und dazu nun die Urteilsbegründung veröffentlicht. Allerdings zeige das Beispiel Tübingen, dass sich die Menge des Mülls damit kaum reduzieren lasse, ist in einem Bericht der Welt zu lesen. So halte etwa Frank Kupferschmidt, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Ludwigsburger Hochschule für Öffentliche Verwaltung und Finanzen, die Lenkungswirkung der Steuer für nicht sonderlich hoch. Größere Verhaltensänderungen der Menschen bei Mitnahmeprodukten durch die Steuer seien nicht zu erwarten, wird Kupferschmidt im Bericht der Welt zitiert. In einer an der Uni Tübingen entstandenen Dissertation über die Verpackungssteuer sei etwa kein nennenswerter Rückgang an Einwegverpackungen in öffentlichen Tübinger Mülleimern festgestellt worden. Das Bewusstsein der Bürger für die Problematik des Verpackungsmülls und die Bevorzugung von Mehrwegverpackungen lasse sich aber laut der Dissertation durchaus steigern, so Kupferschmidt.
 
Quellen:

  • Süddeutsche Zeitung (7.8.2023)
  • recyclingportal.eu (11.8.2023)
  • welt.de (16.8.2023)
  • recyclingportal.eu (9.8.2023)
  • tagesschau.de (23.8.2023)

 

14.07.2023 - 20.07.2023

EU-Pläne für das Recycling von Altautos

Die Altfahrzeugverordnung, für die die EU-Kommission am 13. Juli einen Entwurf vorgelegt hat, soll die bisherige Altautorichtlinie der Europäischen Union ersetzen, berichten Fach- und Tagesmedien. Im Entwurf vorgesehen seien unter anderem eine Recyclingquote für Kunststoffe und eine Mindestrezyklatquote für Neuwagen. Industrieverbände bezweifelten, dass im Markt dafür ausreichend Rezyklate zur Verfügung stünden. Vor diesem Hintergrund fordere etwa der Verband der europäischen Kunststoffhersteller Plastics Europe einen politischen Rahmen, der Investitionen in chemisches Recycling als Ergänzung zu mechanischen Verfahren fördere.
 

Etwa 6 Millionen Autos erreichten laut Kommission jedes Jahr in der EU das Ende ihrer Lebensdauer, berichtet etwa der Spiegel. Doch ein Teil der wertvollen Materialien, die in ihnen enthalten seien, lande auf dem Müll, zitiert Euractiv aus dem Kommissionsentwurf. Eines der Hauptziele der geplanten Regelungen sei es, dafür zu sorgen, dass wichtige Rohstoffe wie Kunststoffe, Stahl und Aluminium im europäischen Produktionskreislauf verbleiben und so viel wie möglich dieser Materialien recycelt und wiederverwendet werden. Für Kunststoffe sei daher etwa vorgesehen, dass künftig mindestens 30 Prozent Polymere aus Altfahrzeugen recycelt werden müssen. Darüber hinaus schlage die Kommission vor, dass ein Viertel des in Neufahrzeugen verwendeten Kunststoffs Rezyklate sein sollen, die wiederum zu 25 Prozent aus Altfahrzeugen stammen sollten. Kritik an den geplanten Quoten für Kunststoffe komme etwa vom Verband der europäischen Automobilhersteller ACEA und vom Verband der europäischen Kunststoffhersteller Plastics Europe, ist bei Euractiv zu lesen. Beide Verbände bezweifelten, dass der Markt ausreichend Rezyklate zur Verfügung stellen könne. Auch handle es sich bei vielen der in der Automobilindustrie verwendeten Kunststoffe um Hochleistungsprodukte, die die höchste Qualität der verfügbaren Polymere erforderten und sehr schwer zu recyceln sein könnten, wird Virginia Janssens, Geschäftsführerin von Plastics Europe zitiert. Die von der Kommission vorgeschlagenen Ziele von 25 Prozent Recyclinganteil könnten aus Sicht des Verbands nur mit einer Kombination aus mechanischem und chemischem Recycling erreicht werden, so Janssens. Sie fordere die Kommission auf, der Recyclingindustrie „grünes Licht“ für Investitionen in chemische Verfahren zu geben. Nach Plänen der Kommission sollen einzelne Regelungen der Verordnung bereits zwischen 2025 und 2028 in Kraft treten, berichtet Euwid. Eine vollständige Umsetzung werde für 2032 angestrebt. Auf Basis des Kommissionentwurfs müssen nun Parlament und Rat ihre Positionen festlegen. Betroffene Kreise können noch bis zum 14. September 2023 ihre Stellungnahmen abgeben.
 
Weitere Informationen: zum Entwurf der Kommission, Dokumente, Fristen und Stellungnahmen
 
Quellen:

  • recyclingmagazin.de (13.7.2023)
  • spiegel.de, euractiv.de (14.7.2023)
  • kunststoffe.de (17.7.2023)
  • Euwid Recycling und Entsorgung 29/2023 (18.7.2023)

 

Altreifen: „Neue Wege für die Verwertung finden“

Das Recyclingmagazin hat im Interview mit der Gründerin und Koordinatorin des deutschen Netzwerks Allianz Zukunft Reifen (Azur), Christina Guth, über die Interessen der Mitglieder, die aktuelle Gesetzgebung und die Zukunft der Altreifenverwertung gesprochen.
 

Zu den Mitgliedern des Netzwerks Azur gehören Reifenhersteller, Runderneuerer, Granulierer und chemische Verwerter, erklärt Guth. Gemeinsam wolle man etwas gegen das schlechte Image der Branche tun, das auch dadurch entstanden sei, dass Reifen weiterhin illegal abgelagert würden, unsortiert oder ungeregelt ins Ausland gelangten und dort verbrannt würden. Azur setze sich dafür ein, dass die nachhaltigste Verwertung genutzt werde, und dass die in Europa verwendeten Reifen auch in Europa verwertet werden. Ein gemeinsames Interesse der Runderneuerer, Materialhersteller und chemischen Verwerter sei, dass sie alle Altreifen als Sekundärrohstoff brauchen. Auch die Neureifenindustrie habe laut Guth ein Interesse daran, dass die Reifen möglichst hochwertig verwertet werden. Die Reifenhersteller wollten mit Azur auch dafür sorgen, dass alle Reifen runderneuert werden können. Das sei bei Weitem noch nicht der Fall. Nur etwa 50 Prozent der Reifen seien runderneuerungsfähig. Um Reifen tatsächlich in einem Kreislauf zu führen, müssten aber auch die politischen Rahmenbedingungen passen. Dazu brauche es zunächst einmal zertifizierte Entsorger, die die Reifen sammeln, sortieren und an zertifizierte Unternehmen weitergeben, was auch den nicht gesetzeskonformen Export und die illegale Entsorgung in Deutschland besser unterbinden würde, führt Guth aus. In Deutschland dürfe jeder Reifen sammeln. So würden die guten Reifen auf dem Gebrauchtmarkt verkauft und die schlechten abgelagert. Das könne aus Sicht von Azur mit einer Zertifizierung der zur Sammlung berechtigten Betriebe gelöst werden. Außerdem solle auch der Bund mit gutem Beispiel vorangehen und in kommunalen Fahrzeugen wie zum Beispiel Müllwagen runderneuerte Reifen einsetzen. In den kommenden Jahren wolle das Netzwerk weiter an den Themen Recycling, Kreislaufwirtschaft und Cradle to Cradle arbeiten. Außerdem denke man darüber nach, sich europäischer aufzustellen und neue Wege zu finden, wie auch die Autofahrer mit den Themen erreicht werden können, etwa über Automobilclubs. Weitere Zukunftsthemen seien neue Modelle für die Kreislaufwirtschaft wie etwa Überlegungen, ob Reifen zukünftig nicht mehr mitgekauft werden, sondern Eigentum des Auto- oder des Reifenherstellers bleiben könnte.
 
Quelle:

  • Recyclingmagazin 7/2023 (19.7.2023)

 

Adnoc weiter interessiert an Covestro-Übernahme

Das Handelsblatt berichtet unter Berufung auf Finanzkreise, dass der saudi-arabische staatliche Ölkonzern Abu Dhabi National Oil Company (Adnoc) sein Angebot für eine Übernahme des Leverkusener Kunststoffherstellers Covestro aufgestockt habe. Der österreichische Petrochemiekonzern OMV führe Gespräche mit Adnoc über eine mögliche Fusion der Polyolefin-Töchter Borealis und Borouge, wie auch aus Berichten der Fachpresse hervorgeht.
 

Für die Übernahme von Covestro biete Adnoc laut Insidern nun 11 Milliarden Euro, ist im Handelsblatt zu lesen. Beide Unternehmen hätten sich bisher dazu nicht äußern wollen. Übernahmegespräche mit Adnoc hätten die Leverkusener bisher abgelehnt. Die in Aussicht gestellte Erhöhung von 55 auf 60 Euro pro Aktie könnte der früheren Bayer-Tochter nach Einschätzung von Analysten aber noch nicht genügen. Adnoc, die sich unter anderem Zugang zu Zukunftstechnologien in der Chemie sichern wolle, prüfe grade auch mit der österreichischen OMV eine engere Zusammenarbeit ihrer Petrochemieunternehmen Borouge und Borealis. Adnoc und die Geschäftsleitung von OMV bestätigten Gespräche über eine mögliche Fusion der milliardenschweren Konzerne. Covestro könnte dann laut Branchenexperten Teil eines aus dieser Fusion hervorgehenden Unternehmens werden.
 
Quellen:

  • handelsblatt.com, orf.at, derstandard.at (14.7.2023)
  • Wiener Zeitung, chemietechnik.de, Kunststoff Information (17.7.2023)
  • handelsblatt.com (18.7.2023)
  • Kunststoff Information (20.7.2023)

 

07.07.2023 - 13.07.2023

EU-Parlament stimmt für digitalen Produktpass

In Zukunft sollen Verbraucher durch einen digitalen Produktpass bereits beim Kauf erkennen, wie nachhaltig ein Produkt ist. Dafür hat sich nun bei der Abstimmung über die in Arbeit befindliche Ökodesign-Verordnung der Union nach den EU-Mitgliedsstaaten jüngst auch das EU-Parlament ausgesprochen, berichten Tages- und Wochenmedien. Wie aus Berichten der Fachpresse hervorgeht, haben die Vorbereitungen für die Entwicklung von Normen und Standards für einen digitalen Produktpass in Deutschland bereits begonnen.
 

Der Vorschlag der EU-Kommission für eine neue Ökodesign-Verordnung, die einen zentralen Bestandteil des Green Deals der EU darstellt und auf der bereits bestehenden Ökodesign-Richtlinie aufbaut, habe dem EU-Parlament Mitte der Woche zur Beratung vorgelegen und sei mit überwiegender Mehrheit angenommen worden, schreibt etwa der Spiegel. Damit könnten nun die Verhandlungen zwischen Ländern und Parlament für eine endgültige Fassung des Gesetzes beginnen. Das Gesetzespaket sehe vor, die Nachhaltigkeit und Lebensdauer von Produkten in der EU zu verbessern, berichtet auch die Tagesschau. Nachhaltige Produkte sollten nach dem Willen der EU künftig zur Norm werden und Verbrauchern ebensolche Entscheidungen ermöglichen. Dazu dürfe die Lebensdauer eines Produkts nicht durch „Designmerkmale“ begrenzt werden. Softwareupdates, Ersatzteile und Zubehör müssten zukünftig „für einen angemessenen Zeitraum verfügbar sein“, zitiert die Tagesschau aus dem Gesetzentwurf. Das Parlament fordere zudem ein Verbot, unverkaufte Waren zu zerstören, was sich insbesondere gegen die „Fast Fashion“-Branche richte. Auch solle ein digitaler Produktpass (DPP) mit genauen und aktuellen Informationen zu Produkten die Transparenz erhöhen und Verbrauchern Auskunft über die Nachhaltigkeit geben.
 
Zur Konkretisierung und Umsetzung des aus Brüssel zukünftig vorgegebenen rechtlichen Rahmens für den DPP in Deutschland gründeten das Deutsche Institut für Normung e.V (DIN) und die Deutsche Kommission Elektrotechnik (DKE) einen Gemeinschaftsausschuss, berichtet das Recyclingmagazin. Ziel des Gremiums, dem Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft angehörten, sei es, mit Normen und Standards die Realisierung des DPP zu unterstützen. Der Entwicklung harmonisierter Europäischer Normen für das System des DPP widmeten sich die europäischen Normungsorganisationen CEN und CENELEC, die dazu ein „Joint Technical Committee Digital Product Passport“ einrichten wollen. Der neue Gemeinschaftsausschuss von DIN und DKE werde die Arbeiten zum DPP und des Joint Technical Committees national spiegeln und die deutschen Interessen auf europäischer Ebene vertreten. Normen und Standards seien laut DIN und DKE für die Umsetzung des DPP zwingend erforderlich, ist im Recyclingmagazin zu lesen, eine Transparenz der Produktdaten sei auch für alle Akteure innerhalb der Wertschöpfungskette wichtig. Sie könnten grundlegend sein für Anwendungsfälle wie etwa einen Batteriepass oder für Elektrogeräte, Textilien, Möbel, Stahl, Zement und Chemikalien.
 
Quellen:

  • tagesschau.de, zdf.de, spiegel.de, FAZ, recyclingmagazin.de (12.7.2023)

 

Chemisches Recycling: bvse stimmt Quote bedingt zu

Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) habe laut eines Berichts von Euwid keine Einwände gegen den Vorschlag von Kunststoffland NRW, eine separate Quote für das chemische Recycling von Kunststoffen aus LVP einzuführen, stelle aber einige Bedingungen. Eine Idee zum chemischen Recycling des Londoner Technologieunternehmens Itero stellt das Magazin Packaging Europe vor: die Einbeziehung ins Design for Recycling als ergänzende Technologie für einen geschlossenen Kunststoffkreislauf.
 

Der Verband Kunststoffland NRW hatte kürzlich in einem Positionspapier eine separate Quote für das chemische Recycling vorgeschlagen, die für den Zeitraum bis 2030 gelten solle. An seine Zustimmung zu diesem Vorschlag knüpfe der Entsorgerverband bvse laut Euwid mehrere Bedingungen: So fordere der Verband unter anderem einen engen Verwertungsbegriff für das chemische Recycling, damit nur diejenigen Anteile für die Quote angerechnet würden, die bei der Kunststoffsynthese zum Einsatz kommen. Dafür müsse es aus Sicht des bvse Bilanzen geben, die alle Schritte bei der Herstellung stoffgleicher Verpackungen in der Endanwendung berücksichtigen. Auch müsste der Zugriff der mechanischen Recycler auf LVP-Kunststoffe aus den dualen Systemen gesichert sein, so der bvse. Für das chemische Recycling schlage der bvse eine Verwertungsquote von rund zehn Prozent vor, in die dann nur die Behandlung von Kunststoffabfällen, die aus dualen Systemen stammen, eingerechnet werden dürfe.
 
Die Einbeziehung des chemischen Recyclings in Richtlinien und Rahmenbedingungen, die sich bislang nur auf die Optimierung des Designs von Produkten und Verpackungen für herkömmliche Recyclingverfahren beziehe, könne die Kreislauffähigkeit von Kunststoffen langfristig erheblich verbessern. Das schreibt Dr. Abi Mountain, Leiterin der Abteilung Produkte und Partnerschaften des Technologieanbieters Itero Technologies, im Rahmen eines Kommentars in Packaging Europe. Trotz der existierenden Designrichtlinien, die auf Monomaterialien und minimale Zusatzstoffe drängten, enthielten viele Kunststoffe und Verpackungsdesigns oft mehrere Zusatzstoffe und/oder Schichten oder auch verschiedene, miteinander vermischte Polymertypen, um das Produkt zu schützen. Vor allem für solche Kunststoffverpackungen biete das chemische Recycling eine Alternative, mit der Kunststoffe von der Deponie, der Verbrennung und der Umwelt ferngehalten und wertvolle Ressourcen zurückgewonnen werden könnten, so Mountain. Durch die Einbeziehung des chemischen Recyclings in die Kreislaufwirtschaft könne die Ausbeute und Qualität von Kreislaufprodukten erhöht werden. Chemische Recycler könnten den Designern Feedback zur Recyclingfähigkeit ihrer Produkte durch verschiedene chemische Recyclingtechnologien geben. So könnten diese fundiertere Entscheidungen über Materialauswahl und Produktdesign treffen. Dazu hält Mountain einen ganzheitlichen Ansatz für notwendig, bei dem von Verbrauchern ausgehend der Prozess geändert werden müsse, um die Kreislauffähigkeit von Kunststoffen zu maximieren. Klar sein müsse, was recycelbar ist. Sammlungen sollten alle Abfallströme aufnehmen, die werkstofflich und chemisch recycelt werden können, und die Sortierung der Abfälle solle angepasst werden, um sowohl die Ausbeute des mechanischen Recyclings als auch die Reststoffe für das chemische Recycling zu maximieren, fordert Mountain.
 
Quellen:

  • Euwid Recycling und Entsorgung 28/2023, packagingeurope.com (11.7.2023)

 

Rezyklate: zu wenig, zu teuer, aber kaum nachgefragt

Die Tagesschau berichtet über die Probleme des Eifeler Sprudelherstellers Gerolsteiner Brunnen, an Rezyklate für seine PET-Getränkeflaschen zu kommen. Laut aktuellen Marktberichten des Fachdienstes Euwid dagegen sinkt hierzulande die Nachfrage nach Kunststoffrezyklaten bei allen Materialien inklusive PET weiter. Und nun warne auch der französische Verband der Recyclingindustrie Federec vor dem Einbruch der Nachfrage nach recycelten Kunststoffen.
 

Im Jahr 2022 habe Gerolsteiner noch bis zu 75 Prozent Rezyklat in seinen Flaschen eingesetzt, berichtet die Tagesschau. Seit Anfang des Jahres 2023 seien es aber nur noch 30 Prozent, weil das Unternehmen nicht genügend Material am Markt habe einkaufen können, wird Thomas Hens, Verpackungsexperte bei Gerolsteiner, zitiert. Gerade sauberes und sortenreines PET sei ein umkämpfter Rohstoff geworden, sage Benedikt Kauertz vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg. Die Nachfrage wachse schneller als das Angebot, denn auch Kleidung und Taschen aus recyceltem Kunststoff würden immer beliebter, berichtet die Tagesschau weiter. Getränkehersteller forderten daher einen Erstzugriff auf ihre PET-Flaschen.
 
Laut Berichten des Fachdienstes Euwid sei die Nachfrage nach PET-Flakes bei den deutschen Recyclern allerdings extrem gering und setze den Recyclingmarkt bei großem Angebot schwer unter Druck. Die meisten PET-Flaschenrecycler in Deutschland nähmen gebrauchte Pfandflaschen nur noch ab, wenn sie durch Verträge dazu verpflichtet seien. Die Nachfrage nach Altkunststoffen insgesamt sei im Juni weiter eingebrochen, ist bei Euwid an anderer Stelle zu lesen. Wichtige Abnehmer der Rezyklate wie die Bauindustrie kämpften selbst mit erheblichen Nachfragerückgängen. Rezession, Inflation und hohe Zinsen schwächten die Binnenkonjunktur. Auch in Frankreich warne der Verband Federec vor dem Einbruch der Nachfrage nach Rezyklaten und schätze auch die Aussichten für den Markt in der zweiten Jahreshälfte als düster ein, geht aus einem weiteren Bericht von Euwid hervor. Der Verband führe die Entwicklung jedoch zum Teil darauf zurück, dass die Hersteller von Produkten zunehmend billigere Primärkunststoffe bevorzugten, insbesondere bei Verpackungsanwendungen.
 
Quellen:

  • tagesschau.de, swr.de, mehrere Berichte in Euwid Recycling und Entsorgung 28/2023 (11.7.2023)

 

30.06.2023 - 06.07.2023

Stimmen zum „Gesetz für weniger Verpackungsmüll“

Medienberichten zufolge geht der Entwurf von Umweltministerin Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen) vorerst nicht in die Verbändeanhörung, da die FDP-Bundestagsfraktion Einspruch gegen das Gesetz eingelegt habe. Kritik am Entwurf des Bundesumweltministeriums kommt nach Berichten in Tages- und Fachmedien nicht nur vom Koalitionspartner, sondern auch aus Handel und Industrie.
 

Die FDP kritisiere vor allem die im Gesetz vorgesehene Mehrwegpflicht, schreibt etwa das Online-Nachrichtenportal Presse Augsburg. Händler in Supermärkten und Discountern müssten dann ab 2025 für Wasser, Bier, Saft oder Milch jeweils mindestens ein Mehrwegprodukt anbieten. Das widerspreche dem Koalitionsvertrag, so die Liberalen, die auf die Vereinbarung verwiesen, das chemische Recycling als gleichwertige Möglichkeit des Verpackungsrecyclings zuzulassen. Hier müsse das Umweltministerium aktiv werden, wird die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Carina Konrad zitiert. Nach Lemkes Plänen soll auch die Mehrwegpflicht für Speisen und Getränke zum Mitnehmen verschärft werden, berichtet der WDR. Dazu gehöre etwa eine generelle Rücknahmepflicht für alle Mehrwegflaschen und -kästen für Letztvertreiber ab einer bestimmten Größe. Vor allem Handel und Industrie kritisierten, dass Supermärkte und Discounter künftig Mehrwegflaschen und -kästen auch dann annehmen müssten, wenn sie die entsprechenden Produkte gar nicht selbst führen, schreibt der Plastverarbeiter. Laut Handelsverband HDE erfordere die geplante Regelung umfangreiche Umbauarbeiten in den Filialen und teilweise den Aufbau einer komplett neuen Logistik, heißt es auch im Packreport. Weitere Kritik komme vom Discounter Lidl, dem Deutschen Brauer-Bund (DBB), der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke sowie dem Verband der Fruchtsaftindustrie (VdF).
 
Die Hersteller von Kunststoffverpackungen sähen den Vorschlag des Umweltministeriums zwiespältig, berichtet Euwid. So begrüße die IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen zwar die geplante Ausweitung der Mehrwegangebotspflicht für Speisen und Getränke zum Mitnehmen auf alle Materialien, kritisiere aber, dass der Mehrwegangebotspflicht für Getränkeverpackungen keine aktuelle Ökobilanz zugrunde liege. Mehrweg sei nicht automatisch ökologisch vorteilhaft. Das vor 20 Jahren bundesweit eingeführte Pfandsystem für Einweggetränkeflaschen erreiche heute Recyclingquoten von über 97 Prozent. Statt einer pauschalen Mehrwegförderung hätte es der Verband für zielführender gehalten, die ökologische Weiterentwicklung von Einweg- und Mehrweggebinden zu fördern, wird IK-Geschäftsführerin und Kreislaufwirtschaftsexpertin Isabell Schmidt in dem Bericht von Euwid zitiert. Positiv und als entscheidenden Schritt in Richtung einer effizienten Kreislaufwirtschaft für Verpackungen werte die IK, dass in einem zweiten Schritt noch in dieser Legislaturperiode die Ausgestaltung der Lizenzentgelte, die Verpackungshersteller an die dualen Systeme zahlen, reformiert werden solle, um die Recyclingfähigkeit von Verpackungen zu fördern. Ebenfalls noch nicht in der aktuellen Novelle vorgesehen, aber in Vorbereitung sei die Aufnahme chemischer Verfahren für das Recycling von Kunststoffverpackungen in das Verpackungsgesetz, ist in dem Bericht von Euwid zu lesen. Auch der BDE-Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft habe mit Kritik auf den Referentenentwurf reagiert und mahne insbesondere die ökologische Ausgestaltung der Verpackungsentgelte in Paragraf 21 des Verpackungsgesetzes an, berichtet etwa das Recyclingportal.
 
Quellen:

  • recyclingportal.de, packreport.de, recyclingmagazin.de (30.6.2023)
  • presse-augsburg.de, wdr.de, recyclingportal.de (3.7.2023)
  • mehrere Berichte in Euwid Recycling und Entsorgung 27/2023 (4.7.2023)
  • packreport.de (5.7.2023)

 

Studie zur Transformation der Chemischen Industrie

Die Studie „Chemie im Wandel“ des Thinktanks Agora Energiewende, über die das Handelsblatt berichtet, komme zu dem Ergebnis, dass die Chemieindustrie auf dem Weg zur Klimaneutralität stärker als bisher auf Recycling und den Einsatz erneuerbarer Rohstoffe setzen müsse.
 

Für die chemische Industrie werde neben der Elektrifizierung auch der Einsatz von erneuerbarem Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen, zitiert das Handelsblatt Frank Peter, Direktor Industrie bei Agora Energiewende. Doch das allein werde für den Umbau der Industrie nicht ausreichen, heißt es in der Studie der Denkfabrik Agora Energiewende. Nötig seien auch erneuerbare Rohstoffe und eine deutlich verbesserte Kreislaufführung von Produkten. Um klimaneutral wirtschaften zu können, benötige die chemische Industrie nach eigenen Angaben künftig elf Mal so viel Strom wie heute, insgesamt mehr als 600 Terawattstunden pro Jahr, und der Strom sollte möglichst zu 100 Prozent aus Ökoquellen stammen. Da auch andere Branchen wie die Stahlindustrie einen hohen Bedarf an Ökostrom und Wasserstoff angemeldet hätten, würden Alternativen aus Rohstoffquellen wie Biomasse oder Abfällen immer wichtiger. Die Autoren der Studie forderten daher die Politik auf, den Umbau der chemischen Industrie durch geeignete Regelungen voranzutreiben. Die Bundesregierung müsse zügig einen Ordnungsrahmen schaffen, der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft stärkt. Die Themen nachwachsende Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft habe sie bisher nicht ausreichend adressiert, so die Studie. Zwar sei klar, dass es zusätzlicher Regelungen bedürfe, um beispielsweise Kunststoffabfälle besser als bisher als Ressource zu nutzen und erneuerbare Rohstoffquellen zu erschließen. Konkrete Instrumente müssten aber noch ausgearbeitet werden.
 
Weitere Information: zum Download der Studie „Chemie im Wandel“
 
Quellen:

  • agora-energiewende.de (3.7.2023)
  • handelsblatt.com (4.7.2023)

 

„Borealis statt Covestro“?

Über ein mögliches neues „Schwergewicht“ in der Chemiebranche berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): Durch eine Fusion des österreichischen Kunststoffspezialisten Borealis mit dem Anbieter von Polyolefin-Lösungen Borouge, einem Joint Venture von Borealis und dem staatlichen Energiekonzern der Vereinigten Arabischen Emirate Adnoc, könne ein Chemie- und Kunststoffkonzern mit einem Marktwert von mehr als 30 Milliarden US-Dollar (27,5 Milliarden Euro) entstehen.
 

Der arabische Mineralölkonzern Abu Dhabi National Oil Co (Adnoc), dessen Übernahmeangebot der Leverkusener Kunststoffhersteller Covestro kürzlich abgelehnt habe, erwäge nun ein Zusammengehen der Tochtergesellschaft Borouge (Abu Dhabi) mit Borealis (Wien). Dessen Hauptgesellschafter ist wiederum der Wiener Rohstoffkonzern OMV. Gegenstand der Gespräche sei aktuell, ob Abu Dhabi und OMV jeweils den gleichen Anteil an der fusionierten Gesellschaft haben sollen. Über die Pläne habe die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen berichtet, heißt es in der FAZ. Sowohl Adnoc als auch OMV hätten sich zu den Gerüchten nicht geäußert. Am Ende scheine es doch auf eine Übernahme von Covestro hinauszulaufen, zitiert die FAZ den Fondsmanager Roland Neuwirth von Advisory Invest. Der Experte halte es für wahrscheinlich, dass sich die Araber mit der OMV zusammentun, um gemeinsam Covestro zu kaufen, die ihrerseits Gesprächsbereitschaft bei einem besseren Angebot signalisiert habe. Das würde dann auf eine deutsche Unternehmenskultur hinauslaufen, gibt die FAZ die Einschätzung des Analysten wieder.
 
Quelle:

  • FAZ (6.7.2023)