Interview Dr. Alexander Kronimus

Interview mit Dr. Alexander Kronimus, VinylPlus Deutschland

 

Seit dem 15. Mai 2025 ist Dr. Alexander Kronimus Geschäftsführer von Vinyl Plus Deutschland e.V. – der Stimme der PVC-Branche und von VinylPlus® in Deutschland. VinylPlus® ist die europäische Selbstverpflichtung der PVC-Branche zur nachhaltigen Entwicklung. Kronimus war zuvor beim Verband der Kunststofferzeuger, Plastics Europe Deutschland beschäftigt, wo er ab 2022 den Bereich Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft leitete, 2023 in die Geschäftsführung berufen wurde und zuletzt stellvertretender Hauptgeschäftsführer war. Zuvor sammelte er zehn Jahre Erfahrung als Referent für Energiewirtschaft beim Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI). Eine weitere Station umfasste eine international ausgerichtete Projektmanagementtätigkeit beim Niederländischen Wissenschaftsinstitut TNO. Dr. Kronimus studierte Geologie und promovierte im Bereich Umweltwissenschaften an der RWTH Aachen.
 

 

Nachhaltigkeit kann nur gelingen, wenn die gesamte Wertschöpfungskette zusammenarbeitet. Ein Verarbeiter muss die Anforderungen der Recycler kennen, um Produkte kreislauffähig zu gestalten – und umgekehrt müssen Recycler verstehen, welche Qualitäten Verarbeiter von Rezyklaten erwarten.

 

Herr Dr. Kronimus, Sie leiten nun seit nahezu einem Jahr den PVC-Branchenverband VinylPlus Deutschland. Der Verband umfasst die komplette PVC-Wertschöpfungskette – von Erzeugern, Additivherstellern, Verarbeitern, Compoundierern, Maschinenhersteller und Dienstleistern, bis hin zu Recyclern. Was zeichnet die Zusammenarbeit der Value Chain aus? Welche Besonderheiten ergeben sich durch die Value Chain-Arbeit? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
 
Um es vorwegzunehmen: Meine Erfahrungen sind durchweg sehr positiv! Nachhaltigkeit kann nur gelingen, wenn die gesamte Wertschöpfungskette zusammenarbeitet. Ein Verarbeiter muss die Anforderungen der Recycler kennen, um Produkte kreislauffähig zu gestalten – und umgekehrt müssen Recycler verstehen, welche Qualitäten Verarbeiter von Rezyklaten erwarten. Genau deshalb freue ich mich, dass ich bei VinylPlus Deutschland mit dem wertvollen Startkapital einer vereinten Wertschöpfungskette beginnen konnte. Durch unsere Dialogformate, etwa das PVC-Symposium, habe ich die Möglichkeit, Technologieentwickler – zum Beispiel aus dem Bereich Sortiertechnik – mit der PVC-Wertschöpfungskette zu vernetzen, um Technologieentwicklungen und Branchenbedürfnisse zusammenzuführen. Besonders bei innovativen Sortierverfahren ist entscheidend, welche Sortierfraktionen tatsächlich sinnvoll verwertet werden können. In unserem etablierten Format „PVC-Recycler treffen PVC-Verarbeiter“ entstehen im persönlichen Austausch neue PVC-Verwertungsströme. Die Stärke einer kooperierenden Wertschöpfungskette liegt darin, Fortschritt zu schaffen – durch das Zusammenführen von Angebot und Bedürfnissen entlang der verschiedenen PVC-Wertschöpfungsstufen.
 

Zu Ihrem Werkstoff: Worin liegen die Vorteile von PVC, in welchen Anwendungen kann PVC besonders punkten? Warum hat der Werkstoff PVC offensichtlich eine besondere Stellung bei Politik / Verwaltung und in der Öffentlichkeit? Aktuell unterliegt die Branche einem besonderen Wettbewerbsdruck; gibt es kurz-/mittelfristig Perspektiven – wenn ja, wo?

 
PVC vereint gerade im Bausektor, wo 70% des PVC hineinfließen, Wirtschaftlichkeit mit Nachhaltigkeit. Für Tür- und Fensterprofile, Rohre, Kabelisolierungen, Dach- und Fassadenzubehör ist PVC ein langlebiger und preisgünstiger Werkstoff. Aber auch im Innenbereich kann PVC mit pflegeleichten und robusten Bodenbelägen und Kunstleder punkten. Sowohl Profile als auch PVC-Anwendungen im Innenbereich sind durch flexibles Design ästhetisch in jedes gestalterische Umfeld integrierbar. So ist PVC nicht nur in Neubauten ein Trumpf, es ist auch ein Ass bei der Gebäudesanierung. Beispielsweise sind Energiesparfenster aus PVC ein Schlüssel für die energetische Sanierung. Denn sie ermöglichen durch nicht-invasiven Einbau eine Anhebung der Gebäude-Energieeffizienz zu wirtschaftlichen Kosten. Die Fensterprofile bieten eine über Jahrzehnte andauernde zuverlässige Nutzung bei geringstem Wartungsaufwand und sind zudem noch kreislauffähig.
 
Die leichte Verarbeitbarkeit von PVC ermöglicht beispielsweise die Umsetzung feinster Strukturen auf der Vinyl-Schallplatte, die aufgrund der Haltbarkeit des Werkstoffs über viele Jahrzehnte konserviert bleiben. Auch in diesem Bereich gibt es mit der Kreislaufführung von Produktionsrückständen und -abfällen sowie der Nutzung biobasierter PVC-Compounds nachhaltige und zukunftsfähige Lösungen.
 
Mengenmäßig kleinere aber sozioökonomisch dennoch bedeutende PVC-Anwendungen finden sich im Gesundheitswesen, wo PVC das wichtigste Polymer darstellt. Der PVC-Blutbeutel und Beatmungsmasken retten täglich Leben. PVC-Pharmablister ermöglichen die erprobte und zuverlässige Verpackung von Pharmazeutika. Darüber hinaus bestehen noch weitere wichtige Anwendung, wie Planen, Sport- und Freizeitartikel.
 
Aus meiner Sicht liegt in dem häufig kritisierten Chloranteil von PVC ein entscheidender Vorteil für die Transformation in die Klimaneutralität: Die 57% Chloranteil am PVC-Polymer müssen nicht defossilisiert werden, was eine Grundvoraussetzung für Kohlenwasserstoffe auf dem Weg in die Klimaneutralität ist. Darüber hinaus kann die Chlorerzeugung mittels der Chlor-Alkali-Elektrolyse allein durch die Speisung mit erneuerbarem Strom nahezu klimaneutral gestellt werden. Zwei Vorteile, die überwiegend kohlenwasserstoffbasierte Kunststoffe nicht aufweisen. Dies wird in der öffentlichen Diskussion häufig verkannt.
 
Die Branche seht tatsächlich unter starkem Wettbewerbsdruck. Um an dieser Stelle Perspektiven zu schaffen, sind aus meiner Sicht wettbewerbliche Rahmenbedingungen erforderlich, z.B. durch moderatere Energiepreise, den Abbau von Bürokratie und eine effektive Binnenmarktaufsicht, die die Einhaltung von Produktspezifikationen entsprechend den europäischen Nachhaltigkeitsstandards für Importe sichert.
 

Was war der Anlass der europäischen PVC-Branche, die freiwillige Selbstverpflichtung VinylPlus 2030 auszusprechen? Wie werden die Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung, etwa hinsichtlich der Ziele wie steigende Zirkularität und CO2-Reduktion gemessen und belegt? Welche Maßnahmen sind diesbezüglich in Deutschland / in Europa besonders wirkungsvoll, und wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?
 
Die Initiative entstand aus dem Bedürfnis, die PVC-Wertschöpfungskette nachhaltiger zu gestalten, indem beispielsweise Recycling verbessert, Fortschritte bei der Umweltverträglichkeit von Additiven branchenweit vorangetrieben, und der Umweltfußabdruck der gesamten Produktlebenszyklen verringert wird.
 
Die Bemessung der Fortschritte erfolgt auf verschiedenen Ebenen. Eine ist Recovinyl®, eine Organisation, die das Monitoring, die Validierung der erhobenen Daten und die Berichterstattung über das PVC-Recycling und die Verwendung von PVC-Rezyklat sicherstellt. Darüber hinaus wurden im Rahmen der Selbstverpflichtung auch mit der Additive Sustainable Footprint-Methode ein Ansatz entwickelt, um die Nachhaltigkeit von Additiven über den gesamten Lebenszyklus bewerten zu können. Nachhaltigkeitskennzeichnungen, wie dem VinylPlus® Product Label, liegen transparente Kriterien zugrunde.
 
Die Fortschritte der Selbstverpflichtung in der Gesamtheit werden im jährlich erscheinenden ViynlPlus® Progress Report dokumentiert. Ein unabhängiger Monitoringausschuss, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments, akademischen Institutionen und einer Verbraucherschutzorganisation überwacht die Umsetzung der Selbstverpflichtung und validiert somit die im Progress Report veröffentlichten Ergebnisse. Die Datenqualität wird durch die ständige Ausweitung des Netzwerks an berichtenden Recyclern und Verarbeitern verbessert.
 

VinylPlus setzt sich seit langem für eine Kreislaufwirtschaft und das Recycling von PVC-Abfällen ein. Welche konkreten Erfolge in Deutschland sehen Sie in den letzten Jahren, etwa beim mechanischen Recycling von Post-Consumer-Abfällen wie Fensterbauprodukten oder Rohre?
 

Trotz eines wirtschaftlich herausfordernden Umfelds blieb das PVC-Recycling in Europa stabil bei ca. 725.000 recycelten PVC-Abfällen in 2024. Deutschland glänzt vor allem mit Rewindo, der Recyclinginitiative für PVC-Altfenster, -türen und -rollläden. Die Recyclingquote für PVC-Altfenster erreichte zuletzt einen Spitzenwert von 87 Prozent der erfassbaren und verfügbaren Menge. Dieser Erfolg ist Benchmarkt und Ansporn zugleich für andere Länder und PVC-Abfallströme. Auch andere Sektoren wie etwa Bodenbeläge und Kabel tragen zum PVC-Recycling bei. Das Rohrrecycling ist im Netzwerk des Kunststoffrohrverbandes organisiert.
 
Recycling ist aber bekanntlich nicht das ultimative Ziel der Kreislaufwirtschaft. Beispielsweise gibt es für PVC-Messeböden wiederverwendbare Lösungen und PVC-Verarbeiter arbeiten an Designoptimierungen, etwa durch Weiterverwendung von Komponenten aus Altprodukten, durch Ermöglichung einer gleichbleibenden Produktleistung bei weniger Material- und Ressourceneinsatz oder gesteigerte Produktleistung mit gleichbleibendem Ressourceneinsatz.
 
In Deutschland arbeiten verschiedene Akteure an Recyclinglösungen für gemischte und „schwierige“ PVC-Abfälle. Welche „Branchenlösungen“ oder Kooperationen sehen Sie als besonders zielführend, um das Recyclingpotenzial und die Nachhaltigkeit weiter zu erhöhen? Gibt es aktuelle Forschungsprojekte?
 

Die forcierte Ausweitung des PVC-Recyclings auf möglichst alle Sektoren ist sehr wünschenswert. Im Baubereich benötigen Abbruchunternehmen zentralisierte Annahmesysteme wie Rewindo. Derzeit wird seitens VinylPlus Deutschland der Aufbau von Sammelsystemen für Bodenbeläge und Dachzubehör geprüft.
 
Das Rückgrat des PVC-Recyclings bilden mechanische Verfahren. Für die Zukunftsperspektive müssen aber weitere Verfahren entwickelt werden. 2024 hat VinylPlus® im Rahmen des hauseigenen PharmPack-Projektes zusammen mit Fraunhofer IVV ein lösemittelbasiertes Verfahren zum Recycling von PVC-Aluminium-Pharmablistern entwickelt. Im technischen Maßstab konnten PVC- und Aluminiumfraktion sowie Barriereschichten sauber voneinander getrennt werden. Das daraus gewonnene PVC-Rezyklat wurde mit 30% Anteil in Pharmafolien in einer Versuchsumgebung eingebracht. Regulatorisch dürfen derartige Folien mit Anteilen von Post-Consumer-Rezyklat noch nicht in Pharmaverpackungen verwendet werden. Technisch wurde die Machbarkeit eines geschlossenen Kreislaufs für PVC-Pharmablister mit diesen Projektergebnissen jedoch belegt. VinylPlus Deutschland baut flankierend in einem Pilotprojekt mit Krankenhausapotheken ein Sammelsystem für Post-Consumer-Blisterabfälle auf, da derzeit nur über diesen Weg eine zuverlässige Restentleerung der Verpackungsabfälle von Pharmazeutika gewährleistet werden kann und so deren Freisetzung in die Umwelt beim Recycling vermieden wird.
 
Auch chemische Verfahren wie Gasifizierung und Pyrolyse werden erforscht. Beispielsweise wurden in einem Gemeinschaftsprojekt von VinylPlus® und ARCUS Greencycling in einem Industrieversuch PVC-haltige Abfallströme in der ARCUS-Anlage in Frankfurt verwertet und so drei Tonnen Pyrolyseöl erzeugt, welches den gängigen Spezifikationen entsprach. Auch der Chloranteil kann durch nasse oder trockene Rauchgasreinigung bei der thermischen Verwertung von PVC-Abfällen zurückgewonnen werden und etwa als Grundstoff in der chemischen Produktion zum Einsatz kommen.
 
Zum Abschluss: Wo sehen Sie die PVC-Branche in der Zukunft? Welcher Handlungsbedarf / aktuelle Notwendigkeiten leitet sich daraus ab? Und welche Botschaft möchten Sie den politischen Entscheidern mitgeben?
 

PVC wird weiterhin in Bau, Architektur, Gesundheit und anderen Sektoren als leistungsfähiger, haltbarer, wartungsarmer, wirtschaftlicher und kreislauffähiger Rohstoff dienen. Eine Schlüsselanwendung liegt in der energetischen Gebäudesanierung. Berücksichtigt man die Emissionen in Scope 1 und 2 des Gebäudesektors, erzeugt dieser ein Anteil vom 30% der CO2-Emissionen in Deutschland und Europa. Für die Erreichung der Klimaziele muss die Sanierungsrate von derzeit unter 0,7% auf mindestens 2% ansteigen. Produkte, wie PVC-Energiesparfenster bieten diesbezüglich leistungsstarke Produkte zu wirtschaftlichen Preisen.
 
Hinsichtlich der Nachhaltigkeit von PVC-Produkten wurde vieles erreicht, sei es in der Produktion, der Verwendung von Additiven oder in der Kreislaufwirtschaft. Es bleibt aber noch viel zu tun. Das ist Aufgabe der PVC-Branche und VinylPlus®.
 
Im Aufgabenbereich der Politik sehe ich die Bereitung eines wettbewerblichen Rahmens für die nachhaltige Produktion. Konkrete Vorschläge für entsprechende politische Maßnahmen, wurden von Industrieverbänden, wie BDI, VCI und Plastics Europe Deutschland unterbreitet.
 
Darüber hinaus appelliere ich an politische Entscheidungsträger, die Chancen zu erkennen, die PVC für die Transformation in die Klimaneutralität bietet und ggf. bestehende Vorbehalte gegen chlorchemische Produkte zu überdenken. In diesem Sektor wurden über die Jahrzehnte erhebliche Fortschritte erzielt. Auf politischer Ebene sollten die genannten Vorteile von Chloranteilen als nicht-fossile und leicht klimaneutral zu stellende Ressource wahrgenommen werden. VinylPlus Deutschland steht gerne als Schnittstelle zur Organisation von Betriebsbesuchen für politische Entscheidungsträger zur Verfügung, um die moderne PVC-Wertschöpfungskette, inklusive Kreislaufwirtschaft, konkret, versteh- und erlebbar zu machen.
 
Herr Dr. Kronimus, herzlichen Dank für das Interview!


(März 2026, Foto: © VinylPlus Deutschland)