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Interview mit Dr. Volker Glöckner zum UN-Plastikabkommen

 

Zum Hintergrund
 
Zur Entwicklung eines international rechtsverbindlichen Instruments, das zum Ziel hat, die Plastikverschmutzung bis zum Jahr 2040 zu beenden, kamen vom 5. bis 15. August 2025 im Palais der Nationen in Genf in der Schweiz mehr als 2.600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen, darunter über 1.400 Mitgliedsdelegierte aus 183 Ländern und fast 1.000 Beobachterinnen und Beobachter, die über 400 Organisationen vertraten. Das Mandat für die Verhandlungen über den sogenannten „Plastics Treaty“ geht auf eine Resolution der Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA) aus dem Jahr 2022 zurück. Gemäß der Resolution UNEA 5.14 trifft sich seit dem 28. November 2022 alle sechs Monate ein zwischenstaatlicher Verhandlungsausschuss, das Intergovernmental Negotiation Committee (INC). In den bisherigen Verhandlungssitzungen wurde ein Vertragsentwurf entwickelt, der in Genf während des zweiten Teils der fünften Sitzung des INC, dem INC 5.2, zur Diskussion stand. Letztlich wurden die Verhandlungen vertagt, ohne dass ein Konsens über einen Vertragstext erzielt wurde. Die INC-Leitung teilte mit, die Verhandlungen zu einem noch nicht bekannt gegebenen Zeitpunkt wieder aufzunehmen.
 

Dr. Volker Glöckner
 

Dr. Volker Glöckner ist Leiter des Bereichs Politische Kommunikation & Kreislaufwirtschaft beim weltweit tätigen Spezialisten für Verpackungslösungen ALPLA. Er hat in Meeresökologie promoviert und hat als Vertreter der „Business Coalition for a Global Plastics Treaty” an den Verhandlungen über das UN-Plastikabkommen teilgenommen, im Jahr 2023 in Nairobi, in 2024 in Ottawa und Busan sowie zuletzt in Genf im August 2025. Die „Business Coalition for a Global Plastics Treaty” wurde im September 2022 von der Ellen MacArthur Foundation und dem World Wide Fund For Nature (WWF) ins Leben gerufen und vereint unter ihrem Dach mehr als 300 Unternehmen aus der gesamten Kunststoff-Wertschöpfungskette, Finanzinstitute und NGOs. Gemeinsam fordern diese ein ehrgeiziges UN-Abkommen, das Kunststoffe in eine Kreislaufwirtschaft integriert und deren Eintrag in die Umwelt verhindert.

 

 

„Ich denke, wir sollten endlich loslegen und… mit dem beginnen, wo eine Einigung erzielt werden kann,… um die Umweltverschmutzung durch Kunststoffabfälle zu beenden… Wenn wir das Problem wirklich lösen wollen, müssen alle gemeinsam Verantwortung übernehmen.“

 
Unsere Fragen
 
Warum ist das UN-Plastikabkommen für die Kunststoff- und Verpackungsindustrie so bedeutsam? Welche Vorschläge sind besonders relevant für ALPLA und die Verpackungsbranche?
 
Für uns als international führenden Hersteller von formstabilen Kunststoffverpackungen ist eine globale Vereinbarung von Bedeutung, wenn hierdurch rechtlich bindende Regeln aufgestellt werden und so die Umweltverschmutzung durch Kunststoffe unterbunden wird. Ein international harmonisierter Rechtsrahmen sollte für die gesamte Industrie Skaleneffekte ermöglichen, Innovationshemmnisse beseitigen und die Wettbewerbsfähigkeit der Kreislaufwirtschaft stärken. Ein ambitionierter UN Plastics Treaty könnte somit ein Booster für die Kreislaufwirtschaft von Kunststoffverpackungen und damit auch für das Geschäftsmodell von ALPLA werden. Unser Fokus bei den Verhandlungen liegt auf allem, was mit Kreislaufwirtschaft und Kunststoffverpackungen zu tun hat. Dazu gehören auch Diskussionen über eine Begrenzung der Kunststoffproduktion oder auch sogenannte Chemicals of Concern, wenn hierdurch das Recycling erschwert wird. Entscheidend für uns ist auch die Gestaltung von Kunststoffprodukten, hier vor allem Design for Recycling, wofür wir uns ausdrücklich einsetzen.
 

Um welche Themen ging es in Genf?
 

In Genf verhandelten über 180 Staaten und die diskutierten Themen sind vielfältig. Sie beinhalten Vieles, was wir aus europäischen Regulierungen wie der EU-Verpackungsverordnung PPWR kennen. Mögliche Maßnahmen reichen von Verboten der Produktion von Einwegkunststoffprodukten bis hin zu verpflichtenden Regeln und Quoten für etwa das Design for Recycling oder den Einsatz von Rezyklaten. Es geht um Abfallmanagement und Sortierung, um die erweiterte Herstellerverantwortung, aber auch um Themen wie „Just Transition“, also einen gerechten Übergang für die 20 Millionen informellen Müllsammler, ohne die das Recycling in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern nicht möglich wäre. Ein weiteres Thema ist, wie Industrienationen diese Länder bei der Umsetzung des Abkommens finanziell und mit Know-how unterstützen können.
 

Warum kam dort keine Einigung zustande?
 

Das dominierende Thema und gleichzeitig einer der größten Streitpunkte ist die Frage, ob die Produktion von Kunststoffen begrenzt werden muss. Die ölproduzierenden Länder sind gegen eine Begrenzung der Kunststoffproduktion, während die Länder der sogenannten „High Ambition Coalition“, zu der unter anderem die EU gehört, auf eine Begrenzung oder mindestens eine Bestimmung zur „Nachhaltigen Produktion und Konsum“ bestehen. Würde dieser Konflikt aufgelöst, würden die Verhandlungen einen großen Schritt nach vorne machen.
 
Welche Rolle spielen geopolitische und wirtschaftliche Interessen bei diesem Stillstand?
 
Die Verhandlungen spiegeln die aktuellen geopolitischen Konflikte wider. Auch wenn er dieses Mal nicht so prominent ist wie bei den letzten Verhandlungen, ist der Konflikt Russland/EU immer noch Thema. Zudem ist zu beobachten, dass seit Donald Trumps Wiederwahl zum US-Präsidenten ein neuer Wind in der US-Delegation weht. Alles, was potenziell der US-Wirtschaft oder dem Status quo schaden könnte, wird kategorisch abgelehnt, was bei anderen Mitgliedstaaten schon mal für größere Verstimmung sorgt.
 
Wie kann es Ihrer Ansicht nach jetzt weitergehen? Wo sind Fortschritte und Potenzial für weitere Verhandlungen erkennbar? Was möchten Sie den Verhandlungsführern und Delegierten der Länder als Vertreter eines kunststoffverarbeitenden Unternehmens wie ALPLA mit auf den Weg geben?
 
Die EU setzt sich für weitere Verhandlungen ein. Eine eventuelle INC 5.3-Sitzung könnte schon im Frühjahr 2026 stattfinden. Dafür müssten seitens der UN das Mandat, das Ende 2025 ausläuft, verlängert sowie weitere finanzielle Mittel für die Verhandlungen bereitgestellt werden. Was wir aktuell nicht sehen, ist ein sogenannter „Treaty of the willing” der ehrgeizigen Länder außerhalb der UN. Das würde auf bilaterale Abkommen zwischen einzelnen Ländern hinauslaufen. Letztendlich ist auch, sollte das UN-Mandat nicht verlängert werden, ein vorzeitiges Scheitern möglich, wenn auch aus meiner Sicht nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit.
 
Ich denke schon, dass es in Genf Fortschritte gab. Zum ersten Mal überhaupt redeten die verschiedenen Staaten und Staatengruppen miteinander und nicht nur übereinander. Das war an den vielen informellen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen zu sehen, die vor allem in der zweiten Woche stattfanden, teils bis in die frühen Morgenstunden. Hierin sehe ich eine Chance, bei weiteren Verhandlungen zu tragfähigen Kompromissen zu kommen.
 
Ich denke, wir sollten endlich loslegen und uns davon verabschieden gleich einen perfekten „Plastics treaty“ haben zu wollen. Wir sollten mit dem beginnen, wo eine Einigung erzielt werden kann und über die Zeit alle Sektoren und Bereiche mit einbinden, um die Umweltverschmutzung durch Kunststoffabfälle zu beenden. Je länger wir nur reden, desto größer wird das Problem.
 

Wie sieht aus Sicht Ihres Unternehmens der zentrale Lösungsansatz aus, nämlich eine zukunftsfähige Kreislaufführung mit Kunststoff voranzutreiben? Welche konkrete Kreislauf-Konzeption verfolgt ALPLA, um die Wiederverwertung von Kunststoffen nachhaltig zu gestalten?
 

Wenn wir das Problem wirklich lösen wollen, müssen alle gemeinsam Verantwortung übernehmen. Bei ALPLA nehmen wir unsere Verantwortung für Mensch und Umwelt sehr ernst. Seit über 30 Jahren engagieren wir uns aktiv im Bereich Recycling und Kreislaufwirtschaft und sind damit einer der Vorreiter auf diesem Gebiet. Wir unterstützen die Science Based Targets Initiative, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, und sind Unterzeichner des Global Commitment der Ellen MacArthur Foundation zur Förderung der Kreislaufwirtschaft.
 
Unser Handeln orientiert sich an den 4Rs: Reduce, Reuse, Recycle, Replace. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Thema Recycling, das wir – wie die gesamte Kreislaufwirtschaft – ganzheitlich betrachten. Eine zentrale Rolle spielt für uns das Prinzip Design for Recycling (D4R) bzw. Design for Circularity (D4C). Hier braucht es klare und verbindliche Regularien.
 
Ebenso entscheidend sind funktionierende Abfallmanagementsysteme und Sortieranlagen. Was nicht gesammelt wird, kann nicht recycelt werden. Ein effektives EPR-System (Extended Producer Responsibility) muss dies regeln und finanzieren. Die Gebühren sollten materialunabhänging ökologisch moduliert werden – basierend auf Recyclingfähigkeit, Rezyklatgehalt und dem Product Carbon Footprint. Nur so erzielen wir eine echte Lenkungswirkung hin zu klimafreundlicheren Verpackungen. Hier punkten Kunststoffverpackungen in allen Bereichen.
 
Letztlich müssen wir dem Material Kunststoff wieder einen Wert geben. Deshalb engagieren wir uns mit unseren Recyclingwerken auch im globalen Süden – dort, wo die Umweltverschmutzung besonders gravierend ist. Was einen Wert hat, wird nicht achtlos in der Natur entsorgt. Die hohe Sammelquote von Pfandsystemen, wie etwa in Deutschland, zeigt das deutlich.
 
Wir haben bereits alles, was wir brauchen. Jetzt liegt es an den UN-Staaten, den regulatorischen Rahmen zu schaffen, damit eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für Kunststoffverpackungen weltweit Realität wird. ALPLA ist bereit.
 

Herr Dr. Glöckner, herzlichen Dank für das Interview!

Foto: © Alpla
 

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